
Die Frage, ab wann Bäume effektiv vor Lawinen schützen können, ist von großer Bedeutung für die Planung von Schutzwäldern, insbesondere in Zeiten des Klimawandels. Ein Team von Forschern des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung hat in einer umfassenden Studie über einen Zeitraum von fast 50 Jahren wertvolle Erkenntnisse gewonnen, die auf den Erfahrungen der Aufforstung am Stillberg basieren. Die Ergebnisse dieser Langzeituntersuchung zeigen, dass die Höhe der Bäume eine entscheidende Rolle spielt, wenn es darum geht, Lawinenabgänge zu verhindern.
Laut Peter Bebi, dem Leiter der Forschungsgruppe Gebirgsökosysteme, ist es wichtig, dass Schutzwälder eine bestimmte Höhe erreichen, um wirksam zu sein. „Bäume können Lawinen nur dann effektiv verhindern, wenn sie mindestens doppelt so hoch sind wie die Schneedecke“, erklärt Bebi. Diese Erkenntnis verbessert das wissenschaftliche Fundament für die Planung von Schutzwäldern und bietet praktische Faustregeln, die in der Forstwirtschaft angewendet werden können.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Baumart. Die Untersuchung hat gezeigt, dass immergrüne Nadelbäume wie Fichten und Arven effektiveren Schneerückhalt bieten als Lärchen. Je mehr Schnee auf den Baumkronen liegen bleibt, desto weniger Schnee bleibt auf dem Boden und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich schwache Schichten bilden, die Lawinen auslösen können. Ein reiner Lärchenwald ist daher weniger schützend als ein vielfältigerer Wald mit Nadelbäumen.
Das Langzeitprojekt am Stillberg, das in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert, wurde 1975 ins Leben gerufen. Damals pflanzten Wissenschaftler rund 92.000 Setzlinge von Arven, Bergföhren und Lärchen an einem steilen Hang oberhalb des Dischmatals bei Davos. Diese Aufforstung gilt als eines der ältesten und bedeutendsten Langzeitexperimente zur Untersuchung von Lawinenschutzwäldern weltweit. Im Laufe der Jahre haben die Forscher die Entwicklung des Waldes sorgfältig dokumentiert, die Bäume regelmäßig vermessen und die Schneedecke im Winter beobachtet. Insgesamt wurden 214 Lawinenereignisse in diesem Gebiet analysiert.
Bis zu den 1990er Jahren kam es in der Stillbergfläche häufig zu Lawinenabgängen. Mit dem Wachstum der Bäume, die mittlerweile die erforderliche Höhe erreicht hatten, begann sich die Situation zu ändern. „Nachdem die Bäume mindestens doppelt so hoch waren wie die Schneedecke, gab es deutlich weniger Lawinenereignisse“, so Bebi. Nur in bestimmten Rinnen, in denen die meisten Bäume bereits abgestorben waren, kam es noch zu Lawinen.
Die Langzeitergebnisse dieser Studie ermöglichen es Verantwortlichen im Bereich Forst und Naturgefahren, besser abzuschätzen, wo in Zukunft mit zuverlässigem Lawinenschutz zu rechnen ist und wie die Aufforstungstechnik optimiert werden kann. „Die Tatsache, dass heute im größten Teil des ehemaligen Anrissgebiets oberhalb der damaligen Waldgrenze eine so gute Schutzfunktion erreicht wird, war zu Beginn kaum abzusehen“, fasst Bebi zusammen. Der Begriff „Anrissgebiet“ bezeichnet den Bereich, in dem sich Lawinen lösen.
Ein weiterer Aspekt, der in zukünftigen Projekten berücksichtigt werden muss, ist der Klimawandel. Lärchen scheinen in den letzten Jahren von den höheren Temperaturen zu profitieren und zeigen, dass Lawinenschutzwälder in höheren Lagen ebenfalls wirksam sein können. Dennoch könnte eine Monokultur oder das Vorhandensein von Bäumen gleichen Alters die langfristige Effektivität der Schutzfunktion gefährden. Bebi empfiehlt daher, in höhergelegenen Bergwäldern eine größere Vielfalt an Baumarten und Waldstrukturen zu fördern.
Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Versuchsfläche sind aktuell zahlreiche Studierende und Forschende damit beschäftigt, den Bestand zu vermessen und Daten zu sammeln. Sie dokumentieren Werte wie Höhe und Umfang der Bäume sowie eventuelle Schäden durch Frost oder Pilze. Diese aktuellen Daten helfen dabei, den langen Weg von der Pflanzung bis hin zu einem voll funktionsfähigen Lawinenschutzwald noch besser zu verstehen.
Die Ergebnisse dieser umfassenden Studie sind nicht nur für die Wissenschaft von Bedeutung, sondern auch für die praktische Anwendung im Bereich der Forstwirtschaft und des Natur- und Lawinenschutzes.