Die Wälder stehen im Angesicht des Klimawandels unter erheblichem Druck, was sich auf das Wachstum vieler Baumarten auswirkt. Eine aktuelle Untersuchung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) hat ergeben, dass Bäume in der Schweiz trotz eines früheren Austreibens im Frühling nicht mehr wachsen. Stattdessen reduziert sich das Wachstum aufgrund erhöhter Temperaturen und anhaltender Trockenheit. Dies hat weitreichende Folgen für die Kohlenstoffspeicherung und die nachhaltige Waldbewirtschaftung.
In den letzten Jahren hat sich die Vegetationsperiode, also die Zeit, in der Bäume aktiv Photosynthese betreiben und wachsen können, signifikant verändert. Laut den Erkenntnissen der WSL beginnt das Wachstum vieler Baumarten heute bereits mehrere Tage früher als noch vor einem Jahrzehnt. Diese Verschiebung könnte zunächst als positiv interpretiert werden, da man annehmen könnte, dass eine längere warme Jahreszeit das Wachstum fördern würde. Doch die Realität zeigt ein anderes Bild: Trotz des frühzeitigen Austreibens ist das jährliche Wachstum vieler Baumarten in der Schweiz rückläufig. Besonders stark betroffen sind Fichten, Weisstannen und Buchen.
Die Ursachen für diesen Rückgang sind vielschichtig. Zunehmende Hitzewellen und Trockenperioden setzen den Bäumen erheblich zu, da sie in diesen Zeiten mehr Wasser verlieren, als sie über ihre Wurzeln aufnehmen können. Das führt zu einem Stresszustand, in dem das Wachstum stark eingeschränkt wird. Die Untersuchung zeigt, dass je nach Baumart und Witterungsverhältnissen nur noch zwischen 40 und 110 effektive Wachstumstage pro Jahr verbleiben. Arun K. Bose, ein Ökologe von der WSL, erklärt, dass selbst einige wenige verlorene Tage während kritischer Wachstumsphasen einen erheblichen Einfluss auf den jährlichen Zuwachs der Bäume haben können. Ein früherer Saisonstart bringt somit wenig, wenn gleichzeitig die Bedingungen für das Wachstum ungünstig sind.
Diese Entwicklung hat nicht nur Folgen für die Bäume selbst, sondern auch für die Ökosysteme und die Forstwirtschaft insgesamt. Wälder spielen eine entscheidende Rolle im Klimaschutz, da sie Kohlendioxid (CO₂) aus der Atmosphäre aufnehmen und im Holz speichern. Ein größeres Baumvolumen bedeutet mehr gebundenen Kohlenstoff. Wenn jedoch die effektive Wachstumszeit der häufigsten Baumarten abnimmt, sinkt auch ihre Fähigkeit zur Kohlenstoffspeicherung.
Die Waldbewirtschaftung muss sich ebenfalls an die veränderten klimatischen Bedingungen anpassen. Mit steigenden Temperaturen und zunehmender Trockenheit müssen Forstbetriebe davon ausgehen, dass sie in Zukunft weniger Holz ernten können. Dies erfordert neue Managementstrategien, die sowohl den Standort als auch die spezifischen Baumarten berücksichtigen. Bose betont, dass die Reaktion der Bäume auf den Klimawandel stark von ihrer Art und ihrem Standort abhängt. Daher ist es wichtig, individuelle Strategien für die Waldbewirtschaftung zu entwickeln.
Die Ergebnisse dieser Studie sind alarmierend und werfen grundlegende Fragen auf: Wie können wir unsere Wälder schützen und gleichzeitig ihre ökologische Funktion aufrechterhalten? Die Antwort auf diese Frage wird entscheidend für die Zukunft unserer Wälder und den Klimaschutz sein. Der Klimawandel stellt eine Herausforderung dar, die nicht nur Umweltwissenschaftler, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes betrifft.
Insgesamt zeigt die Forschung, dass der Klimawandel nicht nur das Wachstum von Bäumen beeinflusst, sondern auch die gesamte Dynamik der Wälder und deren Rolle im globalen Kohlenstoffhaushalt. Um die negativen Auswirkungen des Klimawandels zu mildern, ist es unerlässlich, dass wir geeignete Maßnahmen ergreifen und unser Verständnis für die komplexen Zusammenhänge zwischen Klima, Baumwachstum und Waldwirtschaft vertiefen. Nur so können wir eine nachhaltige Zukunft für unsere Wälder sichern.
