Ein neuer Ansatz für nachhaltige Entwicklung: Die Integration von Natur, Gesellschaft und Wirtschaf…

Ein neuer Ansatz für nachhaltige Entwicklung: Die Integration von Natur, Gesellschaft und Wirtschaf…

In der heutigen Zeit ist der Begriff der nachhaltigen Entwicklung von zentraler Bedeutung, doch seine traditionelle Auslegung, die auf einem Drei-Säulen-Modell basiert, hat ihre Grenzen erreicht. Dieses Modell trennt die Aspekte Natur, Gesellschaft und Wirtschaft und hat sich als nicht mehr ausreichend erwiesen, insbesondere angesichts der drängenden Herausforderungen wie Klimawandel, Verlust der Biodiversität und soziale Ungleichheiten. Eine Gruppe angesehener Wissenschaftler:innen, darunter Prof. Dr. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), fordert in der Fachzeitschrift Nature Communications Sustainability eine grundlegende Neubewertung und Neuausrichtung der Konzepte, die hinter der nachhaltigen Entwicklung stehen.

Die Kernidee des neuen Ansatzes ist, dass die Natur als fundamentale Basis für jegliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Aktivität angesehen werden sollte. Die Autoren schlagen vor, ein Modell zu etablieren, das die Natur in den Mittelpunkt stellt, gefolgt von der Wirtschaft und schließlich der Gesellschaft. Anstatt die drei Bereiche isoliert zu betrachten, wird ein integriertes System gefordert, in dem die Wechselwirkungen zwischen Natur, Wirtschaft und Gesellschaft klar erkennbar und nachvollziehbar sind. Dr. David Obura, Direktor von CORDIO East Africa und Vorsitzender des Weltbiodiversitätsrates (IPBES), betont die Notwendigkeit, die Vorstellung von Getrenntheit aufzugeben. Ein solches integriertes Modell ermöglicht es allen Akteuren – von Unternehmen über Gemeinden bis hin zu Regierungen –, die Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf die Natur und die Gesellschaft zu erkennen und zu verstehen.

Das traditionelle Konzept der nachhaltigen Entwicklung wurde 1987 durch den Brundtland-Bericht etabliert und hat seitdem versucht, ein Gleichgewicht zwischen menschlichem Wohlstand, wirtschaftlichem Wachstum und Umweltschutz zu erreichen. Allerdings hat die Trennung dieser Bereiche zu fragmentierten und konkurrierenden Prioritäten geführt, was die bestehenden Krisen weiter verschärft hat. Der neue Ansatz betrachtet nachhaltige Entwicklung als ein dynamisches System, in dem natürliche, wirtschaftliche und soziale Ressourcen miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen. Ein Ungleichgewicht in einem dieser Bereiche kann das gesamte System destabilisieren.

Ein zentrales Argument der Autoren ist, dass die Herausforderungen im Bereich Nachhaltigkeit nicht nur auf Marktversagen zurückzuführen sind, sondern auch auf tiefere Werte- und Entscheidungsprobleme. Engstirnige wirtschaftliche Perspektiven, die auf kurzfristigen Profit und Ausbeutung abzielen, haben essentielle Werte wie Fürsorge und Respekt vor der Natur und der Gesellschaft in den Hintergrund gedrängt. Prof. Mike Christie von der Aberystwyth University hebt hervor, dass nachhaltige Entwicklung mehr als nur die Behebung von Marktversagen erfordert. Es ist nötig, die unterschiedlichen Werte und Perspektiven aller gesellschaftlichen Gruppen zu integrieren, um eine gerechte und nachhaltige Zukunft zu gestalten.

Die Forscher:innen fordern daher eine umfassende Neuausrichtung, die nicht nur die Politik der Regierungen, sondern auch die Strategien von Unternehmen und der gesamten Gesellschaft betrifft. Der Fokus sollte auf einem Gleichgewicht zwischen Natur, Wirtschaft und Gesellschaft liegen, weg von fragmentierten und wachstumsorientierten Ansätzen. Prof. Paula Harrison vom UK Centre for Ecology & Hydrology weist darauf hin, dass ein systemischer Ansatz notwendig ist, der die wechselseitigen Abhängigkeiten und Rückkopplungen zwischen den verschiedenen Bereichen berücksichtigt.

Um diese Vision zu erreichen, schlagen die Autoren vier wesentliche Veränderungen vor:

1. Neudefinition von Nachhaltigkeit: Die Abhängigkeit aller menschlichen Aktivitäten von ökologischer Stabilität anerkennen.
2. Einbeziehung pluralistischer Werte: Indigene und kulturelle Perspektiven in die Nachhaltigkeitspolitik einbeziehen.
3. Systembasierte Governance: Strategien entwickeln, die die komplexen Wechselwirkungen zwischen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Prozessen berücksichtigen.
4. Neudefinition von Fortschritt: Über das Bruttoinlandsprodukt hinausgehen und Metriken entwickeln, die den Zustand der verschiedenen Kapitalarten und deren Interaktionen widerspiegeln, einschließlich ökologischer Gesundheit und sozialer Gerechtigkeit.

Insgesamt zeigt der neue Ansatz, dass für eine nachhaltige Entwicklung ein integriertes und ganzheitliches Denken notwendig ist, das die Verbindungen zwischen Natur, Gesellschaft und Wirtschaft in den Mittelpunkt rückt. Nur so kann eine zukunftsfähige und gerechte Welt gestaltet werden.