Die Tang-Dynastie, die von 618 bis 907 n. Chr. in China herrschte, wird oft als eine der kulturellen Hochzeiten der chinesischen Geschichte betrachtet. Diese Periode war geprägt von einem fortschrittlichen Verwaltungssystem, künstlerischen Errungenschaften und einem florierenden Handel. Allerdings führte eine Kombination aus klimatischen Veränderungen und deren sozialen sowie politischen Konsequenzen letztlich zum Niedergang dieser Dynastie. Ein interdisziplinäres Forschungsteam, zu dem auch Wissenschaftler der Universität Basel gehören, hat in einer aktuellen Studie untersucht, wie hydrologische Extreme wie Dürren und Überschwemmungen zwischen 800 und 907 n. Chr. die Gesellschaft und das politische Gefüge in China beeinflussten.
Der Fokus der Untersuchung liegt auf der Region des Huang He, auch bekannt als der Gelbe Fluss. Durch die Analyse von Klimaproxydaten, insbesondere Baumringdaten, konnten die Forscher Veränderungen im klimatischen Verhalten im 9. Jahrhundert rekonstruieren. Baumringe geben Aufschluss über das Wachstum von Bäumen und damit über die Wetterbedingungen in bestimmten Jahren. In Jahren mit reichlich Niederschlag wachsen Bäume schneller und die Ringe sind weiter auseinander als in trockenen Jahren. Diese langfristigen Daten wurden genutzt, um das Abflussverhalten des Gelben Flusses zu analysieren, was wiederum Rückschlüsse auf die Wasserversorgung und die Bewässerungsmöglichkeiten in der Region zuließ.
Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass die klimatischen Veränderungen in dieser Zeit eine entscheidende Rolle beim Untergang der Tang-Dynastie spielten. Zunehmende Dürren und Überschwemmungen führten nicht nur zu einer schlechteren Ernte, sondern auch zu einer hohen Unsicherheit in der Nahrungsmittelversorgung. Dies hatte gravierende Auswirkungen auf die Soldaten, die für den Schutz der Grenzen verantwortlich waren, sowie auf deren Familien. Die Forschung zeigt, dass hydroklimatische Extreme direkt die Ernteerträge und die Lagerbedingungen für Getreide beeinflussten. Ein Jahr mit schlechten Ernten führte somit zu einer Verknappung von Nahrungsmitteln, was die bestehenden Versorgungsstrukturen an ihre Grenzen brachte.
Ein weiterer faktoriert das landwirtschaftliche System der damaligen Zeit. Die Menschen in der Region verlagerten ihren Anbauzugunsten von Weizen und Reis, die weniger robust gegenüber extremen Wetterbedingungen sind, im Vergleich zu Hirse, die in trockeneren Jahren besser gedeiht. Diese Entscheidung könnte unter anderem durch gesellschaftliche Normen bedingt gewesen sein, die Hirse als Nahrungsmittel für ärmere Schichten betrachteten. In Zeiten klimatischer Instabilität stellte sich jedoch heraus, dass der Anbau von Hirse möglicherweise eine widerstandsfähigere Option gewesen wäre. Der vermehrte Anbau von wasserintensiven Kulturen führte in Trockenperioden zu Ernteausfällen, die nicht leicht durch Importe aus anderen Regionen ausgeglichen werden konnten.
Die resultierende Unterernährung der Bevölkerung wirkte sich negativ auf die militärische Bereitschaft aus und führte dazu, dass die Grenzschutzkräfte geschwächt wurden. Mit dem Druck auf die äußeren Grenzen des Kaiserreiches suchten viele Menschen im Süden Zuflucht, wo sie hofften, bessere Lebensbedingungen vorzufinden. Dies trug zur politischen Destabilisierung bei und könnte maßgeblich zum Fall der Tang-Dynastie beigetragen haben.
Die Forscher betonen jedoch, dass ihre Ergebnisse als Annäherungen zu betrachten sind. Die genauen Bedingungen und Umstände jener Zeit sind komplex und können nicht eindeutig rekonstruiert werden. Die Studie verdeutlicht, wie klimatische und gesellschaftliche Veränderungen zu Kipppunkten in politischen Systemen führen können, was auch im Kontext der heutigen klimatischen Herausforderungen relevant ist. Die Erkenntnisse aus dieser Forschung könnten somit nicht nur für das Verständnis der Tang-Dynastie von Bedeutung sein, sondern auch für gegenwärtige Diskussionen über die Auswirkungen des Klimawandels auf gesellschaftliche und politische Strukturen.
