Der Wohnort hat einen erheblichen Einfluss auf die Bildungswege und Chancen von Individuen. Eine neue Entwicklung im Bereich der Datenanalyse ermöglicht es, diesen Einfluss systematisch zu untersuchen: Das Nationale Bildungspanel (NEPS) hat eine Georeferenzierung seiner Daten eingeführt, die es erlaubt, regional spezifische Informationen mit den Bildungsdaten von über 52.000 Teilnehmern zu verknüpfen. Diese innovative Methode eröffnet vielfältige Möglichkeiten für tiefgreifende, kleinräumige Analysen.
Die Georeferenzierung, die auf einem einheitlichen Raster von 100 Quadratmetern basiert, verwandelt Adressdaten der NEPS-Teilnehmer in geografische Koordinaten. Dies ermöglicht eine detaillierte Analyse der Bildungsbedingungen, die durch das Wohnumfeld geprägt sind. Die gewonnenen Daten können mit regionalen Informationen kombiniert werden, die ebenfalls auf dem gleichen Raster basieren, wie beispielsweise Daten zur Luftqualität, zum Verkehrslärm oder zur sozialen Zusammensetzung der Nachbarschaften. Dadurch können Forscher nun die Wechselwirkungen zwischen dem Wohnort und den Bildungschancen genauer untersuchen.
Bildungschancen in Deutschland werden durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst. Neben dem Geschlecht, dem familiären Hintergrund und der sozialen sowie ethnischen Herkunft spielt das Wohnumfeld eine entscheidende Rolle. So kann die soziale Lage eines Wohngebiets nicht nur die Bildungsmöglichkeiten, sondern auch die Wahrnehmung dieser Möglichkeiten beeinflussen. Ein benachteiligtes Wohnviertel kann beispielsweise den Zugang zu qualitativ hochwertigen Bildungseinrichtungen einschränken und somit die Zukunftsperspektiven junger Menschen beeinträchtigen. Die Erkenntnisse, die durch die neue Georeferenzierung gewonnen werden, könnten dazu beitragen, diese Zusammenhänge besser zu verstehen und gezielte Maßnahmen zu entwickeln.
Ein praktisches Beispiel dafür ist das Startchancen-Programm, das von Bund und Ländern ins Leben gerufen wurde. Dieses Programm zielt darauf ab, Schulen in sozial benachteiligten Vierteln zu unterstützen, um die Bildungschancen der dortigen Kinder zu verbessern. Mit den neuen georeferenzierten NEPS-Daten können Forscher nun konkret untersuchen, ob und inwieweit die soziale Lage der Wohngegenden die Kompetenzen und Bildungswege der Schüler beeinflusst. Zudem lässt sich analysieren, wie die Nähe zu bestimmten Bildungseinrichtungen, wie Schulen oder Kindergärten, die Bildungsentwicklung der Kinder fördert oder hemmt.
Die Möglichkeit, die NEPS-Daten mit einer Vielzahl von regionalen Kontextinformationen zu verknüpfen, ist ein entscheidender Fortschritt in der Bildungsforschung. Die Verknüpfung erfolgt über das Forschungsdatenzentrum des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi), wo Datennutzende die gewünschten Kontextinformationen auswählen und in ihre Analysen einfließen lassen können. Diese Art der Datenverarbeitung gewährleistet, dass die Informationen wissenschaftlich überprüfbar und vergleichbar sind, wodurch die Qualität und Aussagekraft der gewonnenen Ergebnisse erhöht wird.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Datenschutz. Die mit den Befragten-IDs verknüpften Raumdaten können nicht direkt an die Forschenden weitergegeben werden. Stattdessen erfolgt die Arbeit mit den georeferenzierten Daten im geschützten Raum des LIfBi. Analysen und die daraus resultierenden Ergebnisse können anschließend von den Forschenden exportiert werden, um sie weiterzuverarbeiten oder zu publizieren. Dies stellt sicher, dass die Sensibilität der Daten gewahrt bleibt, während gleichzeitig wertvolle Erkenntnisse für die Bildungsforschung gewonnen werden.
Insgesamt zeigt die Einführung der Georeferenzierung für NEPS-Daten, wie wichtig der Wohnort als Bildungsfaktor ist und wie moderne Datenanalysemethoden dazu beitragen können, diesen Einfluss besser zu verstehen. Mit den neuen Möglichkeiten der kleinräumigen Analysen eröffnen sich nicht nur neue Perspektiven für die Forschung, sondern auch für die Entwicklung von gezielten Bildungsmaßnahmen, die den individuellen Bedürfnissen der Schüler besser gerecht werden können.
