Harnwegsinfektionen (HWI) sind weltweit eine der häufigsten Ursachen für den Einsatz von Antibiotika. In vielen Fällen stehen Ärztinnen und Ärzte vor der Herausforderung, dass die herkömmlichen Methoden zur Identifizierung der Erreger mehrere Tage in Anspruch nehmen. Diese Verzögerung führt oft dazu, dass breite Antibiotika-Spektren verordnet werden, bevor die genauen Ergebnisse vorliegen. Dieses Vorgehen begünstigt die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen, was die Behandlung zukünftiger Infektionen erheblich erschwert.
Ein interdisziplinäres Forschungsteam von der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU), dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), der Inland-Universität Norwegen, der Universität Oslo und der Universität Aarhus in Dänemark hat eine neuartige, kosteneffiziente und schnelle Diagnosetechnologie entwickelt. Diese Methode ermöglicht es, die verantwortlichen Bakterien und deren Empfindlichkeit gegenüber Antibiotika in nur vier Stunden zu identifizieren. Die Ergebnisse dieser bahnbrechenden Forschung wurden in der renommierten Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlicht.
Jährlich leiden etwa 405 Millionen Menschen weltweit an Harnwegsinfektionen. Die gängige Praxis zur Diagnose erfolgt durch Bakterienkulturen, die in der Regel zwei bis vier Tage benötigen, um Ergebnisse zu liefern. Die neu entwickelte Methode hingegen nutzt eine direkte Sequenzierung des gesamten DNA-Materials aus Patientenproben, kombiniert mit einer Echtzeit-Datenanalyse. Laut PD Dr. Torsten Hain, kommissarischer Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der JLU, kann diese sogenannte metagenomische Sequenzierung in 99 Prozent der Fälle das ursächliche Bakterium zuverlässig identifizieren.
Dr. Can Imirzalioglu, kommissarischer Institutsleiter für Diagnostik und klinische Mikrobiologie, hebt hervor, dass die gängige Behandlungspraxis oft die Verwendung von Breitbandantibiotika beinhaltet, während auf die Ergebnisse der Bakterienkultur gewartet wird. Die neue Methode könnte diese Praxis revolutionieren, indem sie gezielte Behandlungen ermöglicht und unnötige Antibiotikagaben vermeidet. Dies ist besonders wichtig, um die Entstehung von Resistenzen zu minimieren und eine bessere Patientenversorgung zu gewährleisten.
Ein weiterer entscheidender Vorteil der neuen Diagnosetechnologie ist die Möglichkeit, mit einer Genauigkeit von 90 Prozent vorherzusagen, gegen welche Antibiotika die identifizierten Erreger empfindlich sind. In Anbetracht der global steigenden Antibiotikaresistenzen ist dies von großer Bedeutung für die moderne Medizin. Die gezielte Anwendung von Antibiotika wird somit nicht nur zur Verringerung der Kosten beitragen, sondern auch die Wirksamkeit von Antibiotika langfristig sichern.
Darüber hinaus zeigen die Untersuchungsergebnisse, dass die neue Methode bis zu 30 Prozent kostengünstiger ist als die derzeitigen Alternativen. Prof. Dr. Florian Wagenlehner, Direktor der Klinik für Urologie an der JLU und des Universitätsklinikums Gießen und Marburg, hebt hervor, dass die Kostenersparnis für Krankenhäuser und Kliniken von großer Bedeutung ist. Die schnellere Diagnostik kann zudem zu kürzeren Krankenhausaufenthalten führen, was die finanziellen Belastungen für das Gesundheitssystem weiter reduziert.
Insgesamt stellt diese innovative metagenomische Sequenzierung einen bedeutenden Fortschritt in der Diagnostik von Harnwegsinfektionen dar. Sie verspricht nicht nur eine schnellere und genauere Identifizierung von Krankheitserregern, sondern auch eine Reduzierung des Antibiotikaverbrauchs und damit einen wichtigen Schritt im Kampf gegen die zunehmende Antibiotikaresistenz. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass mit dieser Technologie eine bessere Patientenversorgung und ein verantwortungsbewussterer Umgang mit Antibiotika möglich sind.
