Eine aktuelle Untersuchung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des Max-Planck-Instituts für Geoanthropologie (MPI-GEA) hat gezeigt, dass der antarktische Eisschild nicht als einheitliches System betrachtet werden kann. Stattdessen besteht er aus mehreren interagierenden Eisbecken, die jeweils unterschiedliche kritische Schwellenwerte aufweisen. Diese Studie, die in der renommierten Fachzeitschrift „Nature Climate Change“ veröffentlicht wurde, hebt hervor, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen der globalen Erwärmung bis zu 40 % des Eises in der Westantarktis langfristig unwiderruflich verloren gehen könnten. In der Ostantarktis könnten sogar moderate Temperaturanstiege von 2 bis 3 °C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau dazu führen, dass ebenfalls kritische Schwellenwerte überschritten werden. Dies hätte erhebliche Auswirkungen auf den globalen Meeresspiegel.
Ricarda Winkelmann, Direktorin des MPI-GEA und Mitautorin der Studie, betont die Notwendigkeit, die verschiedenen Schwellenwerte im Blick zu behalten: „Es gibt nicht nur einen einzigen Punkt, den wir beobachten müssen, sondern eine ganze Reihe von Schwellenwerten.“ Die Ergebnisse zeigen, dass der Eisverlust in einigen Regionen linear ansteigt, während andere Bereiche abrupt kippen können. Wenn dieser Kipppunkt überschritten wird, könnte der Eisverlust in einem beschleunigten Tempo geschehen, was über Jahrhunderte bis Jahrtausende irreversible Folgen nach sich ziehen könnte.
Besonders gefährdet sind laut der Studie Gebiete wie die Amundsensee-Region, die die Thwaites- und Pine-Island-Gletscher sowie das Ronne-Becken in der Westantarktis umfasst. Diese Regionen haben bereits heute die niedrigsten Schwellenwerte erreicht und könnten bei der gegenwärtigen globalen Erwärmung von etwa 1,3 °C ihren Kipppunkt überschritten haben. „Das Überschreiten eines Kipppunkts bedeutet jedoch nicht sofortige Zerstörung“, so Winkelmann weiter. „Ein großflächiger Eisverlust würde Jahrzehnte in Anspruch nehmen, aber einige Prozesse im westantarktischen Eisschild könnten bereits in Gang gesetzt worden sein.“
Julius Garbe, ein weiterer Wissenschaftler des PIK und Mitautor der Studie, hebt hervor, dass die Ostantarktis ebenfalls ein erhebliches Risiko birgt. Die Eismasse dort ist so bedeutend, dass sie mehr als das Zehnfache zur Erhöhung des Meeresspiegels beitragen könnte im Vergleich zur Westantarktis. Insbesondere große Regionen wie das Wilkes-Becken stehen bei anhaltender Erwärmung von 2 bis 5 °C über dem vorindustriellen Niveau ebenfalls vor dem Risiko, erheblich an Eismasse zu verlieren.
Die Forschungsarbeit analysierte das Schmelzverhalten von 18 verschiedenen antarktischen Eisbecken und deren Wechselwirkungen. Hierbei wurde das Eisschildmodell PISM verwendet, um die langfristigen Schmelzverhalten unter verschiedenen Erwärmungsszenarien zu simulieren. Die Studie zeigt, dass der Eisverlust in einem Eisbecken auch Rückkopplungen in benachbarten Becken auslösen kann, wodurch die Dynamik des gesamten antarktischen Eisschildes beeinflusst wird.
Torsten Albrecht, ebenfalls am MPI-GEA und PIK tätig, betont die Dringlichkeit der Situation: „Obwohl sich der antarktische Eisschild über Millionen von Jahren gebildet hat, könnten wir durch steigende globale Emissionen in den nächsten Jahrzehnten Prozesse in Gang setzen, die zu signifikanten und langfristigen Eisverlusten führen.“
Ricarda Winkelmann, die kürzlich von einer Feldforschung in der Antarktis zurückkehrte, berichtet von den sichtbaren Auswirkungen des Klimawandels vor Ort. Dort sind extreme Wetterereignisse nicht nur häufiger, sondern sie verändern auch die Dynamik der Gletscher. Diese Beobachtungen verdeutlichen die Vulnerabilität des antarktischen Eisschildes. Die identifizierten regionalen Kipppunkte geben wertvolle Hinweise darauf, wo die größten Risiken für den langfristigen Eisverlust bestehen und welche Regionen besonders sorgfältig überwacht werden sollten. Um eine weitere Destabilisierung der Eisbecken zu verhindern, ist eine dringende Reduktion der Treibhausgasemissionen notwendig.
