Ein internationales Forschungsteam, bestehend aus Wissenschaftlern der Universität Neapel Federico II, des Museums für Naturkunde in Berlin und weiteren Partnerinstitutionen, hat kürzlich das Jagdverhalten weiblicher Wasserfledermäuse (Myotis daubentonii) in neu besiedelten Gebirgsregionen des italienischen Apennins untersucht. Diese Studie, die in der Fachzeitschrift „Global Ecology and Conservation“ veröffentlicht wurde, offenbart, wie diese Fledermäuse ihre Nahrungsaufnahme an die Herausforderungen ihrer Umgebung anpassen, um das Überleben in einem sich verändernden Klima zu sichern.
Die Forschung konzentrierte sich auf einen 10 Kilometer langen Abschnitt des Sangro-Flusses, der durch den Nationalpark Abruzzen, Latium und Molise in Zentralitalien fließt. Diese Region, gelegen in Höhenlagen von etwa 800 bis 1100 Metern über dem Meeresspiegel, wurde erst kürzlich von reproduktiv aktiven Weibchen der Wasserfledermaus besiedelt. Diese Entwicklung ist eine direkte Reaktion auf die Klimaerwärmung, die die Tiere dazu zwingt, ihre Verbreitungsgebiete nach oben zu verlagern.
Die Hauptautorin der Studie, Chiara Belli, erklärt, dass die weiblichen Wasserfledermäuse nicht nur in höhere Lagen wandern, sondern auch ihre Jagdstrategien anpassen, um die Konkurrenz um Nahrungsressourcen zu minimieren. Anstatt gleichzeitig nach Insekten zu suchen, wechseln sich die Weibchen ab, indem sie dieselben Jagdgebiete zu unterschiedlichen Zeiten aufsuchen. Diese zeitliche Aufteilung ermöglicht es ihnen, die begrenzte Nahrungsverfügbarkeit optimal zu nutzen und die Konkurrenz untereinander zu verringern.
Die Forscher beobachteten, dass die Wasserfledermäuse ihre Jagdaktivitäten auf einige wenige bevorzugte Futterplätze konzentrierten. In der Regel nutzten die Weibchen ein bis fünf spezifische Jagdgebiete und verbrachten mindestens 75 Prozent ihrer Jagdzeit an ihren beiden am häufigsten aufgesuchten Orten. Dieses Verhalten deutet auf eine hohe Standorttreue hin, was für das Überleben in einer Umgebung mit eingeschränkter Nahrungsverfügbarkeit entscheidend ist. Die gleichzeitige Nutzung eines Futterplatzes durch mehrere Weibchen war äußerst selten, was die Effizienz ihrer Jagdstrategien unterstreicht.
Danilo Russo, ein weiterer Hauptautor der Studie, weist darauf hin, dass die kalten Nächte in diesen Höhenlagen sowie das begrenzte Insektenangebot eine erhebliche Herausforderung für die laktierenden Weibchen darstellen. Diese haben einen besonders hohen Energiebedarf und müssen daher ihre Jagdstrategien anpassen, um ausreichend Nahrung zu finden. Indem sie ihre Besuche an Futterplätzen zeitlich staffeln und immer wieder zu vertrauten Gebieten zurückkehren, gelingt es den Weibchen, den Wettbewerb um Nahrung zu minimieren und die Herausforderungen ihrer Umgebung besser zu bewältigen.
Die Ufervegetation entlang des Sangro-Flusses spielt eine entscheidende Rolle für das Überleben dieser Fledermäuse. Sie bietet nicht nur Schutz und Schlafplätze, sondern funktioniert auch als ein grüner Korridor, der den Weibchen den Zugang zu höheren Lagen ermöglicht. Frühere Forschungen des Teams hatten bereits gezeigt, dass dieser bewaldete Flusskorridor für die Ausbreitung der Wasserfledermaus in höhere Regionen unerlässlich war. Die aktuellen Ergebnisse zeigen, wie das spezifische Jagdverhalten der Weibchen diese Ausbreitung noch effektiver unterstützen kann, indem es die Konkurrenz an den Rändern ihres Verbreitungsgebiets verringert.
Zusammenfassend zeigt diese Studie, wie weibliche Wasserfledermäuse in einem sich verändernden Klima nicht nur ihre Lebensräume nach oben verlagern, sondern auch ihre Jagdstrategien anpassen, um in einer herausfordernden Umgebung zu überleben. Diese Erkenntnisse sind nicht nur für das Verständnis der Wasserfledermaus selbst von Bedeutung, sondern auch für die Entwicklung von Schutzmaßnahmen, die auf die Bedürfnisse dieser Tiere in ihrem sich verändernden Lebensraum eingehen.
