Wissenschaftler der Universität Tübingen haben bedeutende Entdeckungen gemacht, die unser Verständnis der Geografie Europas zur Zeit der Dinosaurier grundlegend verändern könnten. Ein Team unter der Leitung von Dr. Márton Rabi hat Hinweise darauf gefunden, dass ein in Europa gefundener Fossil eines landlebenden Krokodils, bekannt als Doratodon carcharidens, nicht unbedingt Beweise für eine Landverbindung zwischen Europa und Afrika während der Kreidezeit liefert, wie zuvor angenommen. Die Forschungsergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.
Das Fossil, das in Ungarn entdeckt wurde, weist bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit abgestorbenen Krokodilarten aus Afrika und Südamerika auf. Forscher hatten bisher vermutet, dass diese Ähnlichkeiten auf eine gemeinsame evolutionäre Geschichte hindeuteten, die eine späte Trennung Europas von den südlichen Kontinenten implizierte. Diese Hypothese basierte auf der Annahme, dass die europäische Fauna während der Dinosaurierzeit eine enge Verbindung zu den Arten in Nordamerika und den südlichen Landmassen, also Afrika und Südamerika, hatte. Nach dieser Theorie hätte es in der Kreidezeit eine durchgehende Landverbindung gegeben, die es Tieren ermöglichte, sich zwischen diesen Kontinenten frei zu bewegen.
Allerdings hat das Forschungsteam nun eine neue Perspektive entwickelt. Sie entdeckten ein vollständiges Fossil von Doratodon carcharidens, das den Wissenschaftlern half, eine genauere anatomische Analyse durchzuführen. Dieses Fossil war nicht nur eine fragmentarische Kieferpartie, sondern umfasste auch einen Oberkiefer mit charakteristischen Zähnen. Die Forscher stellten fest, dass dieses Fossil zu einem einzelnen Individuum gehörte und ermöglichten so eine umfassendere Analyse der morphologischen Merkmale des Krokodils.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Doratodon carcharidens nicht eng mit den südlichen Krokodilarten verwandt ist. Stattdessen gehört es zu einer Gruppe von Krokodilen, die in Nordamerika und Asien verbreitet waren. Diese Erkenntnis deutet darauf hin, dass die Ähnlichkeiten zwischen Doratodon und anderen Krokodilarten aus Afrika und Südamerika nicht auf eine gemeinsame Abstammung zurückzuführen sind, sondern vielmehr auf konvergente evolutionäre Entwicklungen, die durch ähnliche Lebensweisen und ökologische Nischen bedingt sind.
Die Forscher sind sich einig, dass ihre Ergebnisse auch Auswirkungen auf das Verständnis anderer Tierarten aus der Zeit der Dinosaurier haben könnten. Wenn Doratodon und ähnliche Arten als Überreste einer weit verbreiteten Abstammungslinie interpretiert werden, könnte dies die bisherige Vorstellung von den Migrationsmustern und der evolutionären Geschichte in dieser Zeit erheblich beeinflussen.
Die geologischen Modelle, die das Auseinanderbrechen des Urkontinents Pangäa beschreiben, spielen eine entscheidende Rolle in diesen neuen Erkenntnissen. Pangäa zerfiel vor etwa 200 Millionen Jahren in die nördliche Landmasse Laurasia und die südliche Landmasse Gondwana. Die Forscher schlagen vor, dass Europa bereits im Jura, also vor etwa 180 Millionen Jahren, von Gondwana getrennt wurde, was besser mit geologischen Modellen übereinstimmt.
Diese neuen Erkenntnisse bieten der Paläontologie die Möglichkeit, das Bild der Erd- und Evolutionsgeschichte zu verfeinern. Die Arbeit des Tübinger Forschungsteams zeigt, wie wichtig es ist, neue Funde im Kontext ihrer geologischen und biologischen Rahmenbedingungen zu betrachten. Professorin Dr. Karla Pollmann, Rektorin der Universität Tübingen, betont die Bedeutung dieser Entdeckungen und wie sie dazu beitragen, ein umfassenderes Verständnis der Evolution und der geologischen Geschichte zu erlangen.
Insgesamt zeigt die Forschung, dass das landlebende Krokodil Doratodon carcharidens nicht nur ein faszinierendes Tier war, sondern auch Schlüsselwissen über die prähistorische Geografie Europas und die evolutionäre Entwicklung der Krokodile liefert. Diese Entdeckungen könnten dazu führen, dass wir unser Verständnis von Kontinentalverschiebungen und der Tierwanderung in der Vergangenheit neu überdenken müssen.


















































