Eine neue Studie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) hat aufgedeckt, wie eine nachhaltige Fischereipolitik in Peru dazu beitragen könnte, die Mangelernährung im Land zu bekämpfen, selbst angesichts der Herausforderungen des Klimawandels. Peru nimmt weltweit eine bedeutende Rolle in der Fischerei ein, da es die drittgrößte Fischfangnation ist und das Humboldtstrom-System, eines der produktivsten marinen Ökosysteme, beherbergt. Trotz dieser natürlichen Ressourcen leiden jedoch Millionen von Kindern im Land an Unterernährung und damit verbundenen Gesundheitsproblemen wie Anämie und Wachstumsstörungen.
Ein zentraler Faktor für dieses Missverhältnis ist die Struktur der peruanischen Fischerei. Über 90 % der gefangenen Sardellen werden zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet und exportiert, vor allem nach Europa und China. Diese Produkte werden hauptsächlich in der Aquakultur und Viehzucht verwendet. Tatsächlich stammt ein erheblicher Teil der globalen Fischmehl- und Fischölproduktion aus den peruanischen Gewässern. Der Großteil des nährstoffreichen Fisches bleibt somit nicht im Land, wo dringend benötigte Nährstoffe fehlen.
Die Studie, die in der Fachzeitschrift „Ecological Economics“ veröffentlicht wurde, stellt einen neuartigen Ansatz für das Fischereimanagement vor. Die Forscherinnen und Forscher, angeführt von Professorin Dr. Marie-Catherine Riekhof, haben ein Modell entwickelt, das die Populationsdynamik von vier Fischarten – Sardelle, Bonito, Seehecht und Makrele – in Verbindung mit verschiedenen Klimaszenarien analysiert. Ihr dynamisches Optimierungsmodell zielt darauf ab, die Fangmengen so zu regulieren, dass die Bevölkerung des Landes mit grundlegenden Nährstoffen wie Omega-3-Fettsäuren, Proteinen und Eisen versorgt wird, ohne die Bestände der Fische zu gefährden.
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass die derzeitige Praxis, Sardellen fast ausschließlich für den Export zu verwenden, nicht ausreicht, um den Nährstoffbedarf der Bevölkerung zu decken. Wenn die Quoten für die Sardellenfischerei weiterhin ausschließlich für den Export reserviert bleiben, können die anderen Fischarten nicht einmal ein Drittel des nationalen Nährstoffbedarfs abdecken. Durch eine Umwidmung von Sardellen für den direkten menschlichen Verzehr könnte jedoch die nationale Nährstoffsicherheit erheblich verbessert werden.
Die Studie beleuchtet auch den Zielkonflikt zwischen der Ernährungssicherheit der Bevölkerung und den wirtschaftlichen Interessen der Exportindustrie. Um den nationalen Eisenbedarf nur zu einem Drittel aus der Fischerei zu decken, wären jährlich etwa 2,93 Millionen Tonnen Sardellen notwendig. Diese Umwidmung hätte jedoch drastische wirtschaftliche Konsequenzen, da die Fischmehl- und Fischölindustrie Einnahmeverluste von schätzungsweise 2,3 Milliarden US-Dollar pro Jahr erleiden würde.
Die Forscherinnen und Forscher empfehlen daher eine grundlegende Neuausrichtung der peruanischen Fischereipolitik. Sie schlagen vor, den Anteil der Sardellen, der für den menschlichen Verzehr vorgesehen ist, zu erhöhen und gleichzeitig durch gezielte Marktentwicklung, den Ausbau der Infrastruktur und Aufklärungskampagnen das gesellschaftliche Bild der Sardelle zu verändern. In Peru gilt die Sardelle derzeit als „Arme-Leute-Fisch“, was durch aktive Kommunikationsstrategien überwunden werden müsste.
Die Ergebnisse dieser Studie sind nicht nur für Peru von Bedeutung, sondern haben auch globale Relevanz, da das Land etwa 30 % des weltweit gehandelten Fischmehls liefert. Veränderungen in der peruanischen Fischereipolitik könnten somit auch die internationalen Märkte für Aquakultur und Tierfutter beeinflussen.
Insgesamt bietet diese Forschung neue Perspektiven auf die Herausforderungen der Mangelernährung in Peru und zeigt Wege auf, wie eine nachhaltige Fischereipolitik zur Verbesserung der Ernährungssituation der Bevölkerung beitragen kann, während gleichzeitig die Umwelt und die Fischbestände geschützt werden.


















































