
Ein internationales Forschungsteam der Universität Tübingen hat einen bemerkenswerten Fund in Südafrika gemacht, der das Verständnis der Rohstoffnutzung durch frühe Menschen revolutioniert. An der archäologischen Stätte Jojosi, die sich in einer weitläufigen Graslandschaft im östlichen Teil des Landes befindet, konnten Wissenschaftler nachweisen, dass bereits vor 220.000 Jahren Menschen gezielt Hornfels abbauten, um Werkzeuge herzustellen. Diese Entdeckung stellt das bisherige Paradigma in Frage, wonach Jäger und Sammler das Material für ihre Steinwerkzeuge zufällig während anderer Aktivitäten sammelten.
Dr. Manuel Will, der an der Untersuchung beteiligt ist, erklärt, dass die Forscher an der Fundstelle Jojosi zahlreiche Indizien für den gezielten Abbau von Hornfels gefunden haben. Dazu gehören Blöcke, die auf ihre Qualität hin bearbeitet wurden, sowie unzählige kleine Produktionsabfälle und Hammersteine. Hornfels, ein feinkörniges Gestein, wurde in der Steinzeit häufig zur Werkzeugherstellung verwendet. Die Funde deuten darauf hin, dass die Menschen in dieser Region die Felsblöcke direkt vor Ort bearbeiteten, um das gewünschte Material abzuschlagen und daraus Werkzeuge zu fertigen.
Besonders auffällig ist die Art der Funde: Die Forscher entdeckten vor allem Produktionsabfälle, während die Endprodukte und andere Spuren menschlicher Aktivität fehlen. Dies lässt darauf schließen, dass die Menschen die Stätte Jojosi gezielt aufsuchten, um das wertvolle Rohmaterial zu gewinnen. Mithilfe von Lumineszenzdatierungen konnte belegt werden, dass diese Nutzung mindestens bis 110.000 v. Chr. zurückreicht. Damit wird deutlich, dass der frühe Homo sapiens bereits viel früher als bisher angenommen in der Lage war, langfristig über die Beschaffung von Ressourcen nachzudenken.
Die Lage von Jojosi, etwa 140 Kilometer von der Küste des Indischen Ozeans entfernt, ist durch geologische Prozesse im Pleistozän geprägt worden. Erosionsrinnen haben die Hornfelsschichten freigelegt, die die Forscher seit 2022 untersuchen. Bereits bei ersten Erkundungen entdeckten sie mehrere Orte, an denen gut erhaltene Hornfelsabschläge im Sediment sichtbar waren – ein äußerst seltenes Phänomen für Freilandfundstellen. Die Grabungen förderten klar abgegrenzte horizontale Schichten zutage, die eine hohe Dichte an Artefakten aufwiesen – zwischen 200.000 und zwei Millionen Artefakten pro Kubikmeter.
Um die kleinsten Funde zu sichern, wurden sämtliche Sedimente gesiebt. Gunther Möller, Doktorand an der Universität Tübingen, konnte aus den Überresten 353 Teile zu sogenannten Refits zusammensetzen. Diese 3D-Puzzle ermöglichen es den Forschern, genau nachzuvollziehen, wann und in welcher Reihenfolge Material abgetragen wurde. Die Analyse mehrerer solcher Puzzles erlaubt Rückschlüsse auf die Form des Endprodukts, bevor es an einen anderen Ort transportiert wurde.
Professorin Dr. Karla Pollmann, Rektorin der Universität Tübingen, hebt hervor, dass die Funde aus Jojosi einen einzigartigen Einblick in die frühen Wurzeln des menschlichen Planungsvermögens bieten. Sie zeigen, dass die Fähigkeit, Ressourcen bewusst auszuwählen und über Generationen hinweg zu organisieren, bereits in der Altsteinzeit vorhanden war. Diese Erkenntnisse erweitern unser Bild der frühen Menschen und verdeutlichen, wie weit zurück die Entwicklung strategischen Denkens in der Menschheitsgeschichte reicht.
Die Bedeutung der Stätte Jojosi liegt nicht nur im Nachweis einer frühen und zielgerichteten Rohstoffnutzung, sondern auch in der damit verbundenen Erkenntnis über die sozialen und kulturellen Strukturen der damaligen Menschen. Ihre Fähigkeit, Ressourcen langfristig zu planen und zu verwalten, wirft ein neues Licht auf die Entwicklung von Gemeinschaften und deren Überlebensstrategien in der prähistorischen Zeit.
Diese Entdeckung ist ein weiterer wichtiger Schritt in der Erforschung der menschlichen Vorgeschichte und wird in der wissenschaftlichen Gemeinschaft sicherlich für viel Gesprächsstoff sorgen. Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht und bieten einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der frühen Menschheit und ihrer Technologien.

























































