
Die Rückkehr der Wölfe in Deutschland hat in den letzten Jahren eine Vielzahl von Herausforderungen mit sich gebracht. Angesichts der aktuellen Situation, in der etwa 219 Rudel, 43 Paar und 14 Einzeltiere in verschiedenen Bundesländern wie Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen leben, ist es unerlässlich, Wege zu finden, wie Menschen und Wölfe friedlich koexistieren können. Dies ist das Ziel zweier neuer Dissertationen, die am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Würzburg entstanden sind.
Die Problematik, die mit der Rückkehr der Wölfe verbunden ist, betrifft insbesondere die Weidetierhaltung. Viehzüchter sehen sich zunehmend mit Verlusten konfrontiert, da Wölfe eine Bedrohung für ihre Herden darstellen. Diese Situation hat nicht nur ökonomische, sondern auch soziale Spannungen in der Bevölkerung hervorgerufen. Um dieser Herausforderung zu begegnen, hat der Bundesrat im März 2026 entschieden, den Europäischen Grauwolf ins Jagdrecht aufzunehmen. Dies bedeutet, dass Bundesländer mit hohen Wolfspopulationen die Möglichkeit haben, den Bestand durch Jagd zu regulieren.
Professorin Michaele Fenske, die den Würzburger Lehrstuhl leitet, betont jedoch, dass die Jagd nur eine von vielen möglichen Strategien ist, um das Zusammenleben mit diesen großen Raubtieren zu gestalten. Unter ihrer Leitung wurde ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Ziel des Projekts mit dem Titel „Die Rückkehr der Wölfe. Kulturanthropologische Studien zum Prozess des Wolfsmanagements in der Bundesrepublik Deutschland“ ist es, herauszufinden, welche Auswirkungen die Rückkehr der Wölfe auf die Menschen hat.
Das Forschungsteam hat nicht nur in Deutschland, sondern auch mit Wissenschaftlern aus anderen europäischen Ländern wie Finnland, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Portugal und Russland zusammengearbeitet. Die beiden Doktorandinnen Irina Arnold und Marlis Heyer haben hierbei besondere Schwerpunkte gesetzt. Ihre Arbeiten bieten unterschiedliche Perspektiven auf die Thematik und plädieren für einen Wechsel der Sichtweise, um neue Ansätze für ein harmonisches Zusammenleben mit Wölfen zu finden.
Irina Arnolds Dissertation mit dem Titel „Wo Schafe arbeiten… und Wölfe leben“ beleuchtet die Herausforderungen, die die Rückkehr der Wölfe für die niedersächsische Schafhaltung im 21. Jahrhundert mit sich bringt. Sie untersucht die komplexen Lernprozesse, die bei den Schafzüchtern stattfinden, und dokumentiert, wie sie sich an die neuen Gegebenheiten anpassen. Arnold zeigt auf, wie durch innovative Ansätze und eine enge Zusammenarbeit zwischen Schäfern und Naturschutzorganisationen ein konfliktfreieres Miteinander möglich ist.
Marlis Heyers Dissertation „Wölfe erzählen“ hingegen konzentriert sich auf die narrative Dimension der Wolfsthematik. Sie untersucht, wie Geschichten und Erzählungen die Wahrnehmung und das Verständnis von Wölfen in der Gesellschaft prägen. Durch ihre Analyse wird deutlich, dass Erzählungen nicht nur die Sichtweise der Menschen beeinflussen, sondern auch die Beziehung zwischen Menschen und Wölfen gestalten können. Heyer betrachtet dabei verschiedene theoretische Ansätze und erweitert die Diskussion über die Grenzen menschlicher Perspektiven hinaus.
Beide Dissertationen folgen dem Ansatz der Multispecies Studies, der die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Arten in den Fokus rückt. Die Analysen von Arnold und Heyer beziehen Wölfe, Schafe, Hunde sowie die umgebende Landschaft mit ein und eröffnen somit neue Perspektiven zur Koexistenz. „Die detaillierten Beschreibungen beider Arbeiten laden dazu ein, über ein Zusammenleben mit Wölfen nachzudenken, das über die bloße Regulierung durch Jagd hinausgeht“, erklärt Professorin Fenske.
Die Ergebnisse dieser Forschung sind sowohl für die Wissenschaft als auch für die Praxis von Bedeutung, da sie neue Wege aufzeigen, wie ein harmonisches Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf gestaltet werden kann. Die Dissertationen sind online als PDF verfügbar und können von Interessierten eingesehen werden.
























































