
In der abgelegenen Bucht von Illa Grossa, die Teil eines Meeresschutzgebiets an der spanischen Küste ist, gedeiht die einzige riffbildende Korallenart des Mittelmeeres, Cladocora caespitosa. Trotz der abgelegenen Lage und des Fehlens lokaler Verschmutzungsquellen hat eine aktuelle Studie, geleitet von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, alarmierende Ergebnisse hervorgebracht: Dieser geschützte Lebensraum ist stark mit Mikroplastik und Mikrogummi kontaminiert. Diese winzigen Kunststoffpartikel, die sich in den Sedimenten ablagern, könnten die Nahrungsaufnahme der Korallen beeinträchtigen und ihre Widerstandskraft gegen Hitzestress verringern. Die Forscher fanden in einigen Proben mehr als 6.000 Mikroplastikpartikel pro Kilogramm Sediment, was im Vergleich zu anderen Regionen des Mittelmeers einen auffällig hohen Wert darstellt.
Dr. Lars Reuning, der die Studie mitverfasst hat, betont die Bedeutung dieser Entdeckung: „Selbst unberührte und streng geschützte Lebensräume sind nicht vor der Flut an Mikroplastik gefeit.“ Cladocora caespitosa spielt eine entscheidende Rolle im marinen Ökosystem des Mittelmeeres. Diese Korallenart ist in der Lage, unter gemäßigten Bedingungen Riffe zu bilden, und bietet zahlreichen anderen Meeresbewohnern einen Lebensraum. Ihre Fähigkeit, sich an Umweltveränderungen anzupassen, macht sie zu einem wichtigen Indikator für die Gesundheit des marinen Lebensraums.
Diese Korallenart ist besonders bemerkenswert, da sie nicht nur durch Photosynthese, die in Symbiose mit mikroskopisch kleinen Algen erfolgt, sondern auch durch die Aufnahme von Plankton aus dem Wasser Nahrung aufnimmt. Diese heterotrophe Nahrungsaufnahme ist entscheidend, insbesondere in lichtarmen Wintermonaten oder während Perioden von Hitzestress. Hohe Konzentrationen von Mikroplastik könnten diesen wichtigen Ernährungsweg stören und damit die Energieversorgung und Stressresistenz der Korallen gefährden.
Die Untersuchung wurde an mehreren Standorten innerhalb der vulkanischen Caldera von Illa Grossa durchgeführt. Die Forscher, darunter auch Wissenschaftler des spanischen Instituts Torre de la Sal Aquaculture, analysierten Sedimentproben und fanden heraus, dass die Korallen als physikalisches Sieb fungieren. Dichte Kolonien halten kleinere Partikel zurück, was auf eine hydrodynamisch gesteuerte Anreicherung hinweist. Im Durchschnitt wurden 1.514 Mikroplastik- und Mikrogummipartikel pro Kilogramm Sediment nachgewiesen, während in einer Probe aus dem Inneren der Korallenkolonie sogar 6.345 Partikel gefunden wurden. Die Werte übersteigen deutlich die bisherigen Messungen in anderen Teilen des westlichen Mittelmeers.
Die Mikroplastikpartikel wurden mit Hilfe der Laser-Direkt-Infrarotspektroskopie analysiert. Dabei stellte sich heraus, dass die häufigsten Materialien Polyethylen, Polyethylenterephthalat und Polystyrol sind, während über 90 Prozent der Partikel kleiner als 250 Mikrometer sind – eine Größe, die es den Korallen ermöglicht, sie aufzunehmen. Besonders besorgniserregend ist die Entdeckung von Polyurethanen, die als potenziell gesundheitsschädlich für Meeresorganismen gelten.
Die geographischen Gegebenheiten der Bucht von Illa Grossa tragen zur Mikroplastikverschmutzung bei. Die C-förmige Struktur der Bucht und die Strömungen, wie der Northern Current, transportieren Plastikmüll aus dicht besiedelten Küstenregionen nach Illa Grossa. Einmal angespült, bleiben die Kunststoffabfälle in der Bucht gefangen, was die Belastung des Meeresschutzgebiets weiter verstärkt.
Diese Ergebnisse sind alarmierend, auch wenn sie nur einen kleinen Bereich des Mittelmeeres betreffen. Sie verdeutlichen, dass selbst Schutzgebiete erheblich unter dem Einfluss der globalen Plastikverschmutzung leiden. Die Korallenart Cladocora caespitosa ist durch diese Entwicklungen besonders gefährdet. Dr. Reuning fordert eine intensive Erforschung der Auswirkungen von Mikroplastik auf marine Ökosysteme und eine verstärkte Anstrengung zur Bekämpfung der Plastikflut, um die empfindlichen Lebensräume im Mittelmeer zu schützen.


















































