Eine aktuelle Untersuchung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Universität Turku hinterfragt die weit verbreitete Annahme, dass männliche Dominanz bei Säugetieren universell und unangefochten ist. Die Analyse von über dreißig Jahren Verhaltensbeobachtungen bei Berggorillas in freier Wildbahn hat gezeigt, dass die sozialen Strukturen dieser Tiere komplexer sind als bisher angenommen. Insbesondere wird deutlich, dass Weibchen in diesen Hierarchien oft eine stärkere Position einnehmen als ihre männlichen Artgenossen.
Die klassischen Theorien über Geschlechterverhältnisse bei Menschenaffen postulieren, dass Männchen aufgrund ihrer physischen Überlegenheit eine dominierende Rolle einnehmen. Diese neue Studie stellt jedoch fest, dass weibliche Berggorillas trotz ihrer geringeren Statur und Körperkraft in der Lage sind, sich gegen Männchen durchzusetzen – sogar gegen nicht dominante Männchen. Diese Erkenntnis legt nahe, dass die sozialen Machtverhältnisse unter Gorillas nicht so einseitig zugunsten der Männchen gestaltet sind, wie man lange Zeit angenommen hat.
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung zeigt, dass Weibchen in Gruppen mit mehreren Männchen nicht nur Zugang zu Nahrung haben, sondern auch in der Lage sind, Konflikte zu gewinnen. Diese Ergebnisse stehen im Widerspruch zu der weit verbreiteten Vorstellung, dass Weibchen und Männchen um unterschiedliche Ressourcen konkurrieren – Weibchen um Nahrung und Männchen um Fortpflanzungsmöglichkeiten. Tatsächlich haben die Forscher festgestellt, dass weibliche Gorillas in der Lage sind, mehrere Männchen zu dominieren und somit eine entscheidende Rolle im sozialen Gefüge ihrer Gruppen zu spielen.
Die Studie stützt sich auf jahrzehntelange Beobachtungen von vier verschiedenen sozialen Gruppen von Berggorillas im Bwindi-Nationalpark in Uganda. Diese Beobachtungen haben gezeigt, dass etwa jede vierte Auseinandersetzung, an der ein Weibchen beteiligt war, zu einem Sieg für das Weibchen führte – selbst gegen Männchen, die deutlich größer und stärker sind. Dies könnte damit zusammenhängen, dass Alpha-Männchen oft eine unterstützende Rolle für Weibchen einnehmen, was ihnen letztlich ermöglicht, sich gegen andere Männchen durchzusetzen.
Die Forschung bezieht sich auch auf frühere Studien, die bereits darauf hinwiesen, dass in einigen Arten von Säugetieren, wie Tüpfelhyänen oder bestimmten Lemuren, Weibchen eine dominierende Rolle einnehmen. Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Muster der Geschlechterverhältnisse unter Säugetieren ein breites Spektrum abdecken und nicht auf strikter männlicher Dominanz basieren. Die Vielfalt der sozialen Strukturen bei verschiedenen Arten zeigt, dass Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern vielschichtiger sind und von mehr Faktoren als nur Größe und Stärke abhängen.
Die Ergebnisse dieser Studie werfen auch neues Licht auf die gesellschaftlichen Strukturen beim Menschen. Sie unterstützen die Auffassung, dass das Patriarchat möglicherweise kein biologisches Erbe, sondern vielmehr ein kulturelles Konstrukt ist. Das Verständnis der Geschlechterverhältnisse bei Gorillas, die aufgrund ihrer ausgeprägten Geschlechtsdimorphie (Unterscheidung zwischen Männchen und Weibchen) häufig als Paradebeispiel für männliche Dominanz angeführt werden, könnte dazu beitragen, die sozialen Dynamiken beim Menschen besser zu verstehen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die neuen Erkenntnisse über die sozialen Strukturen bei Berggorillas dazu führen, dass wir unsere bisherigen Annahmen über Geschlechterverhältnisse in der Tierwelt und darüber hinaus überdenken müssen. Die Studie zeigt, dass Weibchen in der Lage sind, Macht und Einfluss innerhalb ihrer Gruppen auszuüben, was grundlegende Fragen über die Natur von Dominanz und Geschlechterrollen aufwirft. Wissenschaftler wie Dr. Nikolaos Smit und Dr. Martha Robbins fordern dazu auf, diese komplexen Dynamiken weiter zu erforschen, um ein umfassenderes Verständnis der sozialen Interaktionen zwischen den Geschlechtern zu entwickeln.
