Die Artenvielfalt in Deutschland ist ein weitgehend unerforschtes Terrain. Um die bestehenden Wissenslücken über die Biodiversität zu schließen, haben sich acht bedeutende Forschungseinrichtungen in Deutschland zur Initiative „Unbekanntes Deutschland“ zusammengeschlossen. Ziel dieser Kooperation ist es, bislang unentdeckte Arten systematisch zu identifizieren, detaillierte Beschreibungen vorzunehmen und ihre ökologische Rolle zu verstehen. Dies soll dazu beitragen, geeignete Schutzmaßnahmen zu entwickeln.
Die Initiative vereint verschiedene Fachrichtungen und Techniken. Sie kombiniert taxonomisches Wissen, naturkundliche Sammlungen und moderne Technologien mit der aktiven Beteiligung von Bürgerwissenschaftlern. Durch diesen Ansatz soll eine umfassende Bestandsaufnahme der biologischen Vielfalt in Deutschland geschaffen werden. Jedes Lebewesen, ob bekannt oder unbekannt, spielt eine entscheidende Rolle innerhalb seiner Ökosysteme und hat Einfluss auf die Dienste, die diese für den Menschen erbringen.
Insekten beispielsweise sind unverzichtbar für die Bestäubung von Pflanzen und tragen zur natürlichen Regulierung von Schädlingen bei. Pilze hingegen sind essentielle Akteure im Nährstoffkreislauf und stehen in symbiotischen Beziehungen zu vielen Pflanzenarten. Sie finden zudem Anwendung in der Industrie und der Medizin. Organismen im Boden sind für den Abbau organischen Materials verantwortlich, was den Nährstoffkreislauf aufrechterhält, Kohlenstoff speichert und Wasser reguliert, während sie Nährstoffe liefern, die für die Biomasseproduktion notwendig sind.
Trotz der Bedeutung dieser Organismen gibt es erhebliche Wissenslücken über die tatsächliche Zahl der Arten auf der Erde. Die Erstautorin der aktuellen Studie, Dr. Ricarda Lehmitz vom Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz, erklärt, dass der „Catalogue of Life“ derzeit etwa 2,3 Millionen bekannte Arten auflistet, während Schätzungen die tatsächliche Artenvielfalt auf bis zu 9 Millionen oder noch mehr beziffern. Diese Unsicherheiten bestehen selbst in Deutschland, wo eine lange Tradition der naturwissenschaftlichen Forschung herrscht.
Die beteiligten Institutionen, darunter das Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) und das Museum für Naturkunde in Berlin, haben sich zusammengefunden, um die unbekannten Arten in Deutschland zu entdecken, detailliert zu beschreiben und zu verstehen. Gleichzeitig wollen sie die Öffentlichkeit für die oft unsichtbare Vielfalt sensibilisieren. Dieses Konsortium bringt wertvolle Erfahrungen in der wissenschaftlichen Kommunikation und im Wissensaustausch ein.
Deutschland verfügt über ein reichhaltiges naturkundliches Erbe mit über 147 Millionen Sammlungsstücken, die in verschiedenen Institutionen aufbewahrt werden. Diese Ressourcen bilden eine solide Grundlage, um die Vielfalt des Lebens systematisch zu erfassen. Die Initiative nutzt moderne Technologien wie Hochdurchsatz-Sequenzierung und künstliche Intelligenz, um den Forschungsprozess zu beschleunigen und die Biodiversität effizienter zu dokumentieren.
Aktuelle Schätzungen zufolge leben in Deutschland etwa 48.000 Tierarten, 9.500 Pflanzenarten und 16.000 Pilzarten. Diese Zahlen spiegeln jedoch nicht die gesamte Vielfalt wider, insbesondere nicht bei Insekten und anderen wirbellosen Tieren. Viele Arten sind noch nicht beschrieben oder ihre Bestände sind nicht ausreichend dokumentiert. Beispielsweise könnte das Verhältnis von Pilzen zu Pflanzen in gemäßigten Zonen darauf hindeuten, dass Deutschland bis zu 48.000 Pilzarten beherbergen könnte, wovon 65 Prozent noch nicht erfasst sind.
Ein Beispiel für den Erfolg solcher Forschungsprojekte ist die Erfassung von Süßwasser-Diatomeen, die in den letzten 20 Jahren aufgrund intensiver taxonomischer Bemühungen um 46 Prozent gestiegen ist. Die Initiative „Unbekanntes Deutschland“ zielt darauf ab, alle Lebensformen, von Mikroben bis zu größeren Tieren, in verschiedenen Ökosystemen zu erfassen.
Das Forschungsteam betont, dass traditionelle Methoden zur Erfassung der Biodiversität Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte in Anspruch nehmen würden. Dank moderner Technologien und der Einbeziehung von Bürgerwissenschaftlern kann dieser Prozess jedoch erheblich beschleunigt werden. Mit der Initiative sollen die Öffentlichkeit und Fachleute zusammenarbeiten, um die unbekannte Biodiversität in Deutschland zu entdecken und zu dokumentieren.
Ein Ausblick auf die Initiative zeigt, dass die Entdeckung neuer Arten nicht nur wissenschaftliches Interesse weckt, sondern auch in der Öffentlichkeit und den Medien für Aufmerksamkeit sorgen kann. Erste Schritte zur Identifizierung von Wissenslücken und zur Planung konkreter Projekte wurden bereits unternommen. Die umfassende Erfassung der Biodiversität in Deutschland stellt eine große, aber notwendige Herausforderung dar,
