Die Nordsee steht vor großen Herausforderungen durch den intensiven Sand- und Schlickabbau, der jährlich etwa 200 Millionen Tonnen Sediment umschichtet. Diese alarmierenden Zahlen stammen aus einer aktuellen Untersuchung des Helmholtz-Zentrums Hereon, die erstmals eine umfassende Analyse der Baggertätigkeiten entlang der Nordseeküste durchgeführt hat. Insbesondere das Wattenmeer, ein einzigartiges Ökosystem, ist von diesen Aktivitäten stark betroffen. Die Studie, die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht wurde, beleuchtet nicht nur die Umweltfolgen, sondern auch mögliche Lösungsansätze zur Nutzung des Baggerguts.
Jedes Jahr entnehmen spezialisierte Schiffe große Mengen Sand aus der Nordsee, um diesen für den Bau neuer Hafenanlagen und den Küstenschutz zu verwenden. Beispielsweise wird zwischen den Inseln Sylt und Wangerooge regelmäßig Sand aufgeschüttet, da die Brandung und Winterstürme den Strand erodieren. Auch die Hafenbecken und Flusskanäle müssen regelmäßig ausgebaggert werden, um deren Funktionalität zu gewährleisten. Der dabei anfallende Schlick wird oft an anderen Stellen vor der Küste abgelagert, was die natürliche Sedimentverlagerung in diesen Gewässern erheblich beeinflusst.
Forscher des Hereon-Instituts für Küstensysteme haben nun detaillierte Berechnungen darüber angestellt, wie viel Sand, Kies und Schlick durch diese Baggeraktivitäten im Wattenmeer umverteilt wird. Die Ergebnisse sind beunruhigend: Die Menge an umgeschichtetem Material entspricht dem, was die Nordseeströmung und die angrenzenden Flüsse natürlicherweise verlagern würden. Dr. Lucas Porz, ein führender Wissenschaftler in diesem Bereich, erklärte, dass sie Daten über Baggertätigkeiten aus den letzten 30 Jahren ausgewertet haben, um diese Erkenntnisse zu gewinnen.
Die Auswirkungen des Sandabbaus sind nicht nur eine Herausforderung, sondern bieten auch Chancen für den Küstenschutz. Das während des Baggerns gewonnene Material könnte strategisch genutzt werden, um bestimmte Gebiete des Meeresbodens zu regenerieren, die aufgrund natürlicher Prozesse nicht ausreichend Sedimente erhalten. Dr. Porz und sein Team untersuchen derzeit, welche Gebiete für eine solche nachhaltige Nutzung geeignet sind. Dabei ist jedoch zu beachten, dass vor allem der aus den Häfen abgelagerte Schlick möglicherweise chemisch belastet ist. Daher müssen umfassende Umweltprüfungen durchgeführt werden, um sicherzustellen, dass die Maßnahmen im Einklang mit dem Naturschutz stehen.
Ein weiterer kritischer Aspekt des Sandabbaus ist die Freisetzung von Kohlenstoff, die durch das Abbaggern des Meeresbodens entsteht. Diese Aktivität führt dazu, dass Kohlenstoff, der in den Überresten von Algen und anderen Meeresorganismen gespeichert ist, freigesetzt wird. Die Studie schätzt, dass weltweit bis zu 500 Millionen Tonnen Kohlenstoff jährlich durch solche Aktivitäten mobilisiert werden, was die Emissionen, die durch den Bau von Pipelines oder Offshore-Windkraftanlagen entstehen, übersteigt. Wenn dieser Kohlenstoff mit Sauerstoff im Wasser reagiert, wird Kohlendioxid, ein bedeutendes Klimagas, freigesetzt. Dr. Porz betont, dass diese Daten entscheidend sind, um die Gesamtmenge an Kohlenstoffemissionen aus Küstenregionen besser einschätzen zu können, da solche menschlichen Aktivitäten oft nicht in den Kohlenstoffbudgets berücksichtigt werden.
Das Helmholtz-Zentrum Hereon verfolgt das Ziel, eine nachhaltige und lebenswerte Zukunft zu sichern. Mit einem Team von rund 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werden innovative Technologien und Wissen entwickelt, die zur Resilienz und Nachhaltigkeit in Bezug auf Klima, Küste und Mensch beitragen. Der interdisziplinäre Ansatz kombiniert experimentelle Studien, Modellierungen und künstliche Intelligenz, um komplexe Systeme besser zu verstehen und praxisnahe Lösungen zu entwickeln.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Sand- und Schlickabbau in der Nordsee sowohl Herausforderungen als auch Möglichkeiten birgt. Während die aktuellen Praktiken ernsthafte Umweltprobleme verursachen, könnte eine strategische Nutzung des Baggerguts zur Stabilisierung und Regeneration der Küstenregionen beitragen. Entscheidende Fragen hinsichtlich der Umweltauswirkungen müssen jedoch weiterhin untersucht werden, um eine Balance zwischen menschlichen Bedürfnissen und dem Schutz der einzigartigen marinen Ökosysteme zu finden.
