Eine bemerkenswerte Entdeckung im Bereich der Paläontologie ermöglicht es Wissenschaftlern, einen seltenen Blick auf die Nahrungsgewohnheiten von Raubtieren vor rund 290 Millionen Jahren zu werfen. Ein internationales Forschungsteam, bestehend aus Mitgliedern des Museums für Naturkunde in Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin und des CNRS in Frankreich, hat an der berühmten Bromacker-Fossillagerstätte in Thüringen einen außergewöhnlichen magentypischen Fund gemacht. Dieser Fund wurde als versteinertes Regurgitat bezeichnet, ein Überbleibsel, das ein Raubtier nach dem Verzehr seiner Beute wieder ausgespuckt hat. Die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.
Die Analyse des Fossils, das zunächst für versteinerten Kot gehalten wurde, ergab, dass es sich tatsächlich um ein kompaktes Knäuel aus Knochenresten handelt. Solche Funde sind an Land extrem selten, und der Bromacker-Fund stellt den ältesten bekannten Nachweis einer solchen Regurgitation aus dem Paläozoikum dar. Besonders bemerkenswert ist, dass dieser Fund eindeutig einem landlebenden Räuber zugeordnet werden kann. Durch den Einsatz moderner Computertomographie-Technologien konnten die Forscher die enthaltenen Knochen dreidimensional darstellen und den verschiedenen Tierarten zuordnen.
Die Ergebnisse der Analyse zeigen, dass das Raubtier mindestens drei unterschiedliche Wirbeltiere gefressen hat, die sich in Größe und Art unterschieden. Unter diesen Tieren befanden sich zwei kleinere, agile Landbewohner sowie ein größeres pflanzenfressendes Tier. Diese Entdeckung ist einzigartig, da es den Forschern zum ersten Mal gelingt, direkt nachzuweisen, welche Tiere von einem frühen Landräuber gefressen wurden. Arnaud Rebillard, der Erstautor der Studie und Doktorand am Museum für Naturkunde, betont die Bedeutung solcher direkten Belege für das Verständnis der Nahrungsbeziehungen in dieser Zeit, da vergleichbare Nachweise aus dem Paläozoikum äußerst rar sind.
Die möglichen Verursacher dieser Regurgitation könnten zwei bedeutende Raubtiere aus der Perm-Zeit sein: Dimetrodon, bekannt für sein auffälliges Rückensegel, und Tambacarnifex, ein früher Verwandter der Säugetiere. Beide Arten galten als Spitzenprädatoren ihrer Zeit und jagten opportunistisch, was darauf hindeutet, dass sie eine Vielzahl von Beutetieren nutzten. Diese Erkenntnisse erweitern unser Verständnis über die Lebensweise und das Jagdverhalten dieser frühen Raubtiere und bieten einen seltenen Einblick in die Nahrungsnetze der damaligen terrestrischen Ökosysteme.
Der Bromacker, gelegen im UNESCO Global Geopark Thüringen Inselsberg – Drei Gleichen, zählt zu den bedeutendsten Fundstätten für frühe Landwirbeltiere weltweit. Die neuen Erkenntnisse unterstreichen die herausragende Rolle dieses Standorts für das Verständnis der Evolution von Ökosystemen an Land. Die Studie ist ein Teil der vom Bund und dem Land Thüringen geförderten BROMACKER-Kooperation und stellt ein Beispiel für innovative, interdisziplinäre Forschungsansätze dar, die auf jahrzehntelanger internationaler Zusammenarbeit basieren.
Insgesamt zeigt dieser einzigartige Fossilfund, wie komplex und vielfältig das Leben auf der Erde schon vor Millionen von Jahren war, lange bevor die Dinosaurier die dominierenden Lebewesen wurden. Die Ergebnisse dieser Forschung tragen dazu bei, das Bild von prähistorischen Lebensgemeinschaften zu vervollständigen und eröffnen neue Perspektiven auf die Evolution der terrestrischen Fauna. Die Forschung wird weiterhin spannende Einblicke in die Geschichte des Lebens auf unserem Planeten liefern und unser Wissen über die Entwicklung der Ökosysteme erweitern.
