Ein Forschungsteam der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau hat in einer aktuellen Studie alarmierende Ergebnisse zur Toxizität von Pestiziden in der Landwirtschaft veröffentlicht. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die international vereinbarten Ziele zum Schutz der Biodiversität bis 2030 ernsthaft gefährdet sind. Auf der 15. UN-Biodiversitätskonferenz (COP15) in Kanada hatten sich die Staaten der Welt im Jahr 2022 das Ziel gesetzt, die Risiken, die von Pestiziden ausgehen, bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren. Die Analyse zeigt nun, dass diese Zielerreichung durch den Anstieg der Toxizität von Pestiziden in den letzten Jahren in erheblichem Maße bedroht ist.
Die Studie, die in der renommierten Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde, untersucht die Giftigkeit der in der Landwirtschaft verwendeten Pestizide und deren Auswirkungen auf die Umwelt. Die Forscher, unter der Leitung von Ralf Schulz und Jakob Wolfram, entwickelten ein neues Verfahren zur Berechnung der sogenannten „ausgebrachten Toxizität“. Diese Kennzahl bewertet die Toxizität der jährlich in einem Land eingesetzten Pestizide und lässt Rückschlüsse auf die potenziellen globalen Folgen für die Biodiversität zu. Ralf Schulz hebt hervor, dass diese Methodik einen neuen Blickwinkel auf die Risiken eröffnet, die durch den Einsatz von Pestiziden für Umwelt und Biodiversität entstehen.
Ein zentrales Problem der Studie war die Notwendigkeit, qualitativ hochwertige und vergleichbare Daten aus verschiedenen Ländern zu nutzen. Die Forscher verwendeten kommerzielle Anwendungsdaten aus dem Zeitraum von 2013 bis 2019, die den Referenzzeitraum des UN-Beschlusses abdecken. Um die globale Analyse fortzuführen, wäre es ideal, wenn alle Länder regelmäßig aktualisierte Daten zur Pestizidanwendung bereitstellen würden. Nur so kann ermittelt werden, ob sie auf dem richtigen Weg sind, die Ziele der UN-Biodiversitätskonferenz zu erreichen.
Die Untersuchung zeigt, dass die ausgebrachte Toxizität von Pestiziden in den letzten Jahren signifikant zugenommen hat. Dies ist zum Teil auf die steigenden Mengen an Pestiziden zurückzuführen, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Eine zunehmende Ackerfläche sowie intensivere Bewirtschaftung bestehender Flächen haben ebenfalls zu diesem Anstieg beigetragen. Besonders betroffen sind Landinsekten, Bodenorganismen und Fische. Während die Toxizität bei den meisten Organismengruppen ansteigt, zeigen nur Wasserpflanzen und einige Landwirbeltiere einen Rückgang der Pestizidbelastung.
Die verschiedenen Gruppen von Pestiziden, darunter Herbizide, Insektizide und Fungizide, tragen alle zur steigenden Toxizität bei. Die Forscher identifizierten etwa 20 Pestizidwirkstoffe, die für die Giftigkeit in unterschiedlichen Ökosystemen entscheidend sind. Diese besonders schädlichen Stoffe sollten dringend durch weniger giftige Alternativen ersetzt werden, auch wenn dies in der Praxis nicht immer leicht umzusetzen ist. Auf globaler Ebene zeigen die Ergebnisse, dass Länder wie Brasilien, China, die USA und Indien die höchste Toxizität aufweisen, während Nigeria im Vergleich dazu geringere Werte aufweist. Allerdings könnte sich dies durch die Intensivierung der Landwirtschaft und den Einsatz toxischerer Mittel ändern.
Die Studie verdeutlicht, dass der Anbau bestimmter Kulturen, insbesondere Obst, Gemüse, Mais, Sojabohnen, Getreide und Reis, für rund 80 Prozent der weltweiten Pestizidtoxizität verantwortlich ist. Dieser Zusammenhang zeigt, dass eine bewusste landwirtschaftliche Planung entscheidend ist, um die Biodiversitätsziele zu erreichen.
Die steigende Toxizität ist nicht nur eine momentane Herausforderung; die Daten der FAO deuten darauf hin, dass dieser Trend weiterhin anhalten könnte. Für die Zukunft ist ein umfassendes Umdenken notwendig, um die UN-Ziele zu erreichen. Nur Chile könnte laut den aktuellen Prognosen auf dem richtigen Weg sein, die Zielvorgaben zu erfüllen. Andere Länder, darunter auch Deutschland, stehen vor der Aufgabe, die Toxizität auf ein Niveau zurückzuführen, das vor über 15 Jahren bestand.
Jakob Wolfram weist darauf hin, dass dies nur durch den Umstieg auf weniger giftige Pestizide und eine erhebliche Umstellung konventioneller Anbauflächen auf ökologische Landwirtschaft gelingen kann. Solche Maßnahmen würden nicht nur die Toxizität verringern, sondern auch positive Effekte für die globale Biodiversität mit sich
