Schutzgebiete in Kolumbien: Nur ein Bruchteil schützt die Süßwasserfischarten**

Schutzgebiete in Kolumbien: Nur ein Bruchteil schützt die Süßwasserfischarten**

Eine neue Studie des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) hat ergeben, dass lediglich 25 Prozent der identifizierten Prioritätsgebiete für den Schutz von Süßwasserfischen in Kolumbien tatsächlich mit bestehenden Schutzgebieten übereinstimmen. Diese Erkenntnis, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Diversity and Distributions, wirft ein kritisches Licht auf die Effektivität der derzeitigen Schutzmaßnahmen und zeigt auf, dass viele dieser Gebiete ursprünglich für den Schutz von Landökosystemen ausgewiesen wurden, was ihre Eignung für den Schutz aquatischer Biodiversität erheblich einschränkt.

Das Forschungsteam analysierte die geografische Verbreitung von 1.313 Süßwasserfischarten über rund 38.000 Gewässerabschnitte in Kolumbien. Dabei wurde festgestellt, dass die Fläche, die für den effektiven Schutz der Fischarten erforderlich wäre, im Vergleich zu den bestehenden Schutzgebieten zwar ähnlich groß ist. Dennoch gibt es eine erhebliche räumliche Diskrepanz, denn nur 25 Prozent der optimalen Schutzgebiete überlappen mit den aktuellen Schutzgebieten. Thomas Tomiczek, der Erstautor der Studie, betont, dass diese Diskrepanz darauf hinweist, dass bestehende Schutzstrategien dringend überarbeitet werden müssen, um die Süßwasser-Biodiversität effektiver zu schützen.

Besonders hervorzuheben ist der obere Abschnitt des Orinoco-Flusses, der mit 964 Fischarten eine der artenreichsten Regionen Kolumbiens darstellt. Diese Region ist nicht nur reich an Arten, sondern beherbergt auch viele endemische Fischarten, die nur dort vorkommen. Auch die Becken des Magdalena-Cauca und des Pazifik-Chocó sind wichtig für den Erhalt bedrohter Arten und müssen daher in den neu definierten Prioritätsgebieten stärker berücksichtigt werden.

Die Studie identifizierte lediglich einen Fluss, den Rio Bita im Nordosten Kolumbiens an der Grenze zu Venezuela, der eine hohe Überlappung (72 Prozent) zwischen bestehendem Schutzstatus und priorisiertem Schutzgebiet aufweist. Dieser Fluss steht seit 2018 unter Schutz. Die Ergebnisse der Studie belegen, dass Schutzmaßnahmen vor allem für Quellflüsse von großer Bedeutung sind. Diese Flüsse reagieren besonders sensibel auf Umweltveränderungen und spielen eine entscheidende Rolle im gesamten Flussnetzwerk.

Darüber hinaus ist es wichtig, auch kleinere Nebenflüsse in Betracht zu ziehen, da sie während Hochwasserereignissen ein vielfältiges Mosaik aus Lebensräumen bieten können. Interessanterweise zeigen ähnliche Studien, dass die Diskrepanz zwischen Biodiversitäts-Hotspots und geschützten Gebieten nicht nur für Fischarten, sondern auch für andere Tiergruppen wie Säugetiere, Vögel, Amphibien und Reptilien in Kolumbien zutrifft. Diese Erkenntnisse können als Leitfaden dienen, um Gebiete mit hohem ökologischem Wert und geringer menschlicher Belastung in zukünftige Schutzstrategien zu integrieren.

Dr. Sami Domisch, ein Wissenschaftler am IGB und Leiter der Studie, weist darauf hin, dass die Ergebnisse auch mit internationalen Studien übereinstimmen. So hat eine Untersuchung über Flüsse in Europa, an der auch das IGB beteiligt war, ähnliche Mängel in der Effektivität von Schutzgebieten aufgezeigt. Diese Studie analysierte über 1.700 Flussstandorte in zehn europäischen Ländern über fast vier Jahrzehnte und kam zu dem Schluss, dass viele Schutzgebiete nicht ausreichen, um die Biodiversität und Wasserqualität signifikant zu verbessern, da sie häufig für Landökosysteme ausgewiesen wurden.

Die aktuelle Studie basiert auf einer umfassenden Sammlung von 238.278 geografischen Vorkommen für 1.313 Süßwasserfischarten und berücksichtigt die notwendigen Lebensräume für jede Fischart. Durch räumliche Priorisierungsanalysen, unter Verwendung von ganzzahliger linearer Programmierung, wurde versucht, 30 Prozent jedes geeigneten Lebensraums innerhalb der neu definierten Prioritätsgebiete zu erfassen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ergebnisse dieser Studie einen dringenden Handlungsbedarf aufzeigen. Um die aquatische Biodiversität in Kolumbien zu bewahren, müssen bestehende Schutzstrategien überarbeitet und erweitert werden, insbesondere in Bezug auf die Sensibilität und die ökologischen Funktionen von Flussgebieten.