
Eine neue genetische Studie hat bedeutende Erkenntnisse über die Geschichte der indigenen Bevölkerung im südlichsten Teil Südamerikas, dem sogenannten Südkegel, geliefert. Diese Region, die sich durch ihre kulturelle Vielfalt auszeichnet, wurde über die Jahrtausende hinweg durch migrationsbedingte Prozesse stark geprägt. Ein internationales Team von Wissenschaftlern, unter der Leitung von Forschern des Senckenberg Zentrums für Menschliche Evolution und Paläoumwelt an der Universität Tübingen, hat das Erbgut von 52 indigenen Individuen untersucht, die in den letzten 6.000 Jahren in verschiedenen Teilen des Südkegels lebten, darunter die Pampas, Nordwest-Patagonien und das Paraná-Delta.
Die Erkenntnisse dieser Studie zeigen, dass im mittleren Holozän, einer Zeitspanne von etwa 8.200 bis 4.200 Jahren vor unserer Zeit, mindestens drei genetisch unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in den Pampas koexistierten. Diese Regionen waren nicht nur kulturell, sondern auch genetisch vielfältig. Prof. Dr. Cosimo Posth, einer der Hauptautoren der Studie, erklärt, dass die europäische Kolonialisierung einen tiefgreifenden Einfluss auf die kulturelle Landschaft der heutigen südamerikanischen Staaten hatte. Indigene Sprachen, Religionen und Weltanschauungen wurden oft durch europäische Institutionen und Ordnungssysteme ersetzt, was zu einer massiven Verdrängung der indigenen Bevölkerung führte und deren genetische Vielfalt bis heute stark einschränkt.
Die Forscher sammelten genetische Daten aus 31 archäologischen Fundstätten, die Überreste aus dem mittleren und späten Holozän enthielten. Diese Überreste sind zwischen 6.000 und 150 Jahren alt. Während frühere archäologische Studien bereits auf kulturelle Veränderungen im Südkegel hindeuteten, blieb bis dato unklar, ob diese Veränderungen ausschließlich durch kulturelle Prozesse oder auch durch migrationsbedingte Einflüsse zustande kamen. Die neu gewonnenen genetischen Daten geben nun Aufschluss über diese Fragestellung.
Die Analyse ergab, dass in den Pampas während des mittleren Holozäns, trotz seltener Kontakte zu Gruppen in Patagonien, eine genetische Linie vorherrschte, deren Ursprung bisher unbekannt war. Diese Linie breitete sich bereits vor etwa 5.500 Jahren aus und verstärkte sich im späteren Holozän. Spätestens vor 600 Jahren erreichte diese genetische Abstammung auch Nordwest-Patagonien, wo sie zusammen mit Menschen mit einem genetischen Profil aus den südlichen Anden existierte.
Zusätzlich zeigten die Ergebnisse, dass sich die Bevölkerungen entlang des Paraná-Flussdeltas und am Unterlauf des Uruguay-Flusses bereits vor etwa 1.500 Jahren genetisch voneinander unterschieden. Die Menschen aus dem östlichen Tiefland Uruguays wiesen genetische Verbindungen zu sogenannten Sambaqui-Gruppen auf, die an der Küste Südbrasiliens lebten. Diese genetischen Entdeckungen belegen, dass großräumige Wanderbewegungen in dieser Region während des mittleren und späten Holozäns stattfanden und die genetische sowie kulturelle Landschaft des Südkegels nachhaltig prägten.
Die Studie unterstreicht die Komplexität der Besiedlungsgeschichte Südamerikas und hebt hervor, dass migrationsbedingte Veränderungen eine entscheidende Rolle bei der Formung der kulturellen Identität der indigenen Völker spielten. Prof. Posth betont, dass die Erkenntnisse über die genetische Diversität und die Verbindungen zwischen verschiedenen Gruppen tiefere Wurzeln im indigenen Erbe der Region belegen und unser Verständnis der Geschichte Südamerikas erheblich erweitern. Diese Forschung ist nicht nur ein bedeutender Schritt zur Rekonstruktion der menschlichen Geschichte auf diesem Kontinent, sondern auch zur Wertschätzung der kulturellen und genetischen Vielfalt, die die indigenen Völker Südamerikas über Jahrtausende hinweg bewahrt haben.




















































