Entdeckung einer neuen Wanzenart mit einzigartigen Scheren im Bernstein**

Entdeckung einer neuen Wanzenart mit einzigartigen Scheren im Bernstein**

Forschende der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) haben in einem Bernsteinfund aus Myanmar eine bisher unbekannte Wanzenart entdeckt. Diese Wanze zeichnet sich durch auffällige Scheren an ihren Vorderbeinen aus, die an die Greifwerkzeuge von Krabben erinnern. Die Entdeckung ist nicht nur faszinierend, sondern gibt auch wertvolle Einblicke in die biodiversen Ökosysteme der Kreidezeit vor etwa 100 Millionen Jahren.

Die Fossilien, die in der Kachin-Region Myanmars gefunden wurden, sind ein Fenster in die Vergangenheit und zeigen die Vielfalt der dort lebenden Fauna. Immer wieder stoßen Wissenschaftler an diesem Ort auf neue Arten und Merkmale, die die evolutionäre Geschichte der Insekten bereichern. In diesem Fall haben die Forschenden eine Wanze mit einem ungewöhnlichen morphologischen Merkmal identifiziert: große Scheren, die als Chelae bezeichnet werden. Solche Strukturen sind bei Insekten äußerst selten und bislang nur in drei anderen Insektengruppen dokumentiert. Die Entdeckung dieser Wanze mit Scheren stellt somit einen bedeutenden evolutionären Hinweis dar, dass solche Merkmale unabhängig in verschiedenen Insektenlinien entstanden sind.

Die Zoologin Privatdozentin Carolin Haug und ihr Team haben das Fossil mithilfe von Mikro-Computertomographie untersucht, um die anatomischen Strukturen in drei Dimensionen sichtbar zu machen. Die Ergebnisse dieser Analyse wurden kürzlich im Fachjournal „Insects“ veröffentlicht. Die detaillierte Untersuchung von mehr als 2000 Scheren und ähnlichen Greifstrukturen, sowohl von ausgestorbenen als auch von heute lebenden Arten, ergab, dass die Scheren der neu entdeckten Wanze signifikante Unterschiede zu den Chelae anderer Insektenarten aufweisen. Ähnliche Strukturen finden sich jedoch bei Krebstieren wie Zehnfußkrebsen und Scherenasseln, was eine interessante evolutionäre Verbindung zwischen diesen Gruppen aufzeigt.

Aufgrund der auffälligen Scheren hat das Forschungsteam die neue Wanzenart in eine eigene Gattung eingeordnet und ihr den wissenschaftlichen Namen Carcinonepa libererrantes verliehen. Der Gattungsname leitet sich vom lateinischen Wort „Carcino“ für Krabbe ab und kombiniert es mit „nepa“, dem wissenschaftlichen Namen für Wasserwanzen. Der Artname „libererrantes“ ist eine Anspielung auf die erfolgreiche K-Pop-Band Stray Kids, deren charakteristische Pose die Scherenhaltung des Fossils widerspiegelt. Diese originelle Namensgebung zeigt nicht nur den Humor der Forschenden, sondern auch die Verbindung zwischen moderner Kultur und wissenschaftlicher Entdeckung.

Morphologisch wird C. libererrantes den Wasserwanzen (Nepomorpha) zugeordnet. Abgesehen von den auffälligen Scheren weist der Körperbau der Wanze Ähnlichkeiten zu heutigen Vertretern der Gelastocoridae auf, die als terrestrische Räuber leben. Dies lässt darauf schließen, dass die neu entdeckte Art ebenfalls ein ähnliches Lebensumfeld bewohnte, vermutlich in einem Waldökosystem nahe der Küstenlinie in der Kreidezeit. Die Scheren dürften der Wanze gedient haben, um kleine Insekten zu fangen, was auf einen aktiven Räuberlebensstil hinweist.

Die Bedeutung dieser Entdeckung erstreckt sich über die bloße Identifizierung einer neuen Art hinaus. Sie bietet auch Einblicke in die evolutionäre Entwicklung von morphologischen Merkmalen bei Insekten und deren Anpassungsmechanismen an verschiedene Lebensräume. Solche Erkenntnisse sind entscheidend für das Verständnis der Biodiversität und der ökologischen Dynamik vergangener Epochen.

Die Forschung zu C. libererrantes und ähnlichen Fossilien wird weiterhin von großem Interesse sein, da sie uns nicht nur die Vielfalt der Insektenwelt der Vergangenheit näherbringt, sondern auch die evolutionären Prozesse beleuchtet, die zur heutigen Biodiversität geführt haben.