
Eine aktuelle Untersuchung beleuchtet die weitreichenden Folgen des UN-Ziels, bis 2030 fast ein Drittel der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen. Diese Maßnahme könnte das Leben nahezu der Hälfte der Weltbevölkerung beeinflussen. Um die dramatische Abnahme der Artenvielfalt zu stoppen, wurde auf der 15. UN-Biodiversitätskonferenz 2022 in Montreal beschlossen, dass mindestens 30 Prozent der globalen Land- und Meeresflächen geschützt und ebenso viele geschädigte Ökosysteme regeneriert werden müssen. Forscher*innen des „Conservation Research Institute“ der Universität Cambridge, unterstützt von der Humboldt-Universität zu Berlin, haben nun untersucht, welche direkten Auswirkungen dieses „30×30“-Ziel auf die lokale Bevölkerung haben könnte.
Das Team stellte fest, dass die Menschen, die in den für den Naturschutz vorgesehenen Gebieten leben, am stärksten betroffen sein werden. Ihre Unterstützung ist daher von zentraler Bedeutung, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Laut der Studie, die in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlicht wurde, ist der Mensch ein entscheidender Faktor für den Erfolg von Naturschutzmaßnahmen. Die Forscher*innen betonen, dass finanzielle und andere Formen der Unterstützung für die Menschen vor Ort unerlässlich sind.
Die grundlegende Botschaft der Untersuchung ist, dass die Unterstützung lokaler Gemeinschaften beim Schutz der Natur weltweit Priorität haben sollte. Prof. Dr. Tobias Kümmerle vom Geographischen Institut der Humboldt-Universität und Mitautor der Studie, erklärt, dass sie drei verschiedene Ansätze für den Naturschutz analysiert haben, um das „30×30“-Ziel zu erreichen. Der erste Ansatz zielt darauf ab, eine Vielzahl von Arten und Ökosystemen zu schützen. Die Ergebnisse zeigen, dass ab 2030 etwa 46 Prozent der globalen Bevölkerung in oder in der Nähe von geschützten Gebieten leben würden.
Allerdings gibt es keinen universellen Ansatz für den Naturschutz, da die Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung stark variieren können. Das Leben in oder in der Nähe von Naturschutzgebieten kann sowohl positive als auch negative Konsequenzen für das Wohlbefinden und den Lebensunterhalt der Menschen haben. Positiv könnte sich beispielsweise die Sicherung einer nachhaltigen Wasserversorgung oder der Zugang zu natürlichen Ressourcen und kulturellen Stätten auswirken. Geschützte Wälder könnten zudem Überschwemmungen verhindern. Auf der anderen Seite könnte die Ausweisung von Schutzgebieten jedoch auch Einschränkungen für die Nutzung von Ressourcen und das Leben in diesen Gebieten nach sich ziehen.
Die Auswirkungen hängen entscheidend davon ab, wie die Schutzgebiete gestaltet und verwaltet werden. Ein strenger Nationalpark unterscheidet sich erheblich von einem indigenen Schutzgebiet, das möglicherweise den Menschen vor Ort mehr Mitspracherecht einräumt. Um sicherzustellen, dass die örtliche Bevölkerung nicht benachteiligt wird, sind laut der Studie erhebliche Investitionen notwendig sowie Verfahren, die der lokalen Bevölkerung Mitbestimmung ermöglichen.
Die zweiten beiden Ansätze, die die Forscher*innen untersuchten, konzentrieren sich einerseits auf den Schutz großer Lebensräume, wie im Amazonas oder im Kongo, die wichtige Ökosystemdienstleistungen wie Kohlenstoffspeicherung bieten, und andererseits auf Gebiete, die von indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften verwaltet werden. Obwohl diese Ansätze weniger Menschen direkt betreffen könnten, würde ein höherer Anteil der betroffenen Bevölkerung in extremer Armut leben und stärker auf die Nutzung von natürlichen Ressourcen angewiesen sein.
Es gibt zwar laufende Diskussionen darüber, welche Gebiete geschützt werden sollten und wie eine erfolgreiche Umsetzung weltweit sichergestellt werden kann. Dennoch wird in diesen Debatten oft zu wenig auf die Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung eingegangen. Angesichts der verbleibenden vier Jahre bis zur angestrebten Zielmarke und der Tatsache, dass derzeit weniger als 20 Prozent der globalen Land- und Meeresflächen unter Schutz stehen, fordern die Forscher*innen eine Intensivierung der Bemühungen zur Erreichung des „30×30“-Ziels.
Der Globale Biodiversitätsrahmen von Kunming-Montreal, der am 19. Dezember 2022 auf der 15. Weltnaturkonferenz in Kanada beschlossen wurde, setzt einen ehrgeizigen Kurs zur Schaffung einer Welt, die bis 2050 im Einklang mit der Natur lebt. 196 Länder, darunter Deutschland und das Vereinigte Königreich, haben sich verpflichtet, dieses Ziel zu verfolgen. Der Erfolg dieses Vorhabens hängt jedoch entscheidend von der Unterstützung lokaler Gemeinschaften ab, die oft im Zentrum der Naturschutzmaßnahmen stehen.


















































