In einem bemerkenswerten wissenschaftlichen Durchbruch hat ein Team von Forschern der Universität Tübingen und der Ludwig-Maximilians-Universität München den bisher jüngsten Nachweis eines Stachelbilchs in Europa gemacht. Der Fund, ein oberer Backenzahn, stammt aus der Fundstelle Hammerschmiede im Allgäu und ist auf ein Alter von 11,6 Millionen Jahren datiert. Diese Entdeckung trägt nicht nur zur Erforschung der Evolution dieser einzigartigen Nagetierfamilie bei, sondern beleuchtet auch die Biodiversität in der Region.
Stachelbilche sind eine Gruppe von Nagetieren, die heute nur noch in Südindien mit der Spezies Platacanthomys lasiurus vertreten sind. Diese Art hat einen auffälligen, buschigen Schwanz, der stachelig erscheint. Historisch betrachtet reicht die Existenz der Stachelbilche in Europa bis zu 17,5 Millionen Jahre zurück. Die neueste Entdeckung in der Hammerschmiede stellt jedoch einen bedeutsamen Meilenstein dar. Der Fundort ist bekannt für die Entdeckung von zwei Menschenaffenarten, die für die wissenschaftliche Gemeinschaft von großer Bedeutung sind.
Professorin Madelaine Böhme, die das Projekt leitet, erläutert, dass die Lebensweise der Stachelbilche zu ihrem seltenen Vorkommen beiträgt. Der Südindische Stachelbilch und die ostasiatischen Blindmäuse sind bekannt dafür, dass sie in schwer zugänglichen Bergwäldern leben, oft in Höhenlagen über 3.000 Meter. Diese Tiere sind nachtaktiv und nutzen die Echoortung zur Orientierung, was sie einzigartig unter den Landsäugetieren macht.
Die Hammerschmiede ist ein faszinierender Ort für die Paläontologie. Seit 2011 führen die Universitäten Tübingen und Senckenberg dort wissenschaftliche Grabungen durch. Die Region hat sich als äußerst reich an Fossilien erwiesen, mit über 40.000 geborgenen Exemplaren aus 158 verschiedenen Wirbeltierarten, darunter die beiden Menschenaffen Danuvius guggenmosi und Buronius manfredschmidi. Diese Vielfalt unterstreicht die außergewöhnliche Biodiversität, die im dortigen Ökosystem herrscht.
Die Entdeckung des Stachelbilchs ist besonders bemerkenswert, da der gefundene Zahn aus einer Ansammlung von etwa 5.000 Zähnen anderer Nagetierarten stammt. Professorin Böhme stellt fest, dass die Habitatbedingungen in der Hammerschmiede für Stachelbilche nicht optimal gewesen sein dürften. Bisher wurden europäische Stachelbilche der Gattung Neocometes hauptsächlich in gebirgigen oder felsigen Lebensräumen gefunden, wie etwa in der Fränkischen Alb oder im Vogelsberg, dem größten Schichtvulkan Mitteleuropas.
Die Frage, warum die Hammerschmiede eine solche Artenvielfalt aufweist, bleibt bislang unbeantwortet. Doch mit dem Beginn des Tübinger Exzellenzclusters TERRA im Jahr 2026, der sich mit den Wechselwirkungen zwischen Geo- und Biosphäre in einer sich wandelnden Welt beschäftigt, wird diese Thematik eingehender untersucht werden.
Die Forschungsarbeiten in der Hammerschmiede sind nicht nur auf die wissenschaftliche Gemeinschaft beschränkt. Seit 2017 sind sie auch Teil eines Citizen-Science-Projekts, das es der Öffentlichkeit ermöglicht, aktiv an den Ausgrabungen teilzunehmen. Diese Initiative wird seit 2020 durch den Freistaat Bayern finanziell unterstützt, was die Bedeutung der Grabungen für die regionale und überregionale Forschung zusätzlich unterstreicht.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Entdeckung des letzten bekannten Stachelbilchs in Europa nicht nur einen bedeutenden Beitrag zur Paläontologie leistet, sondern auch das Licht auf die Biodiversität in der Hammerschmiede wirft. Die fortlaufenden Forschungen und Grabungen an diesem historischen Standort versprechen, weitere spannende Erkenntnisse über die Evolution und Lebensweise dieser faszinierenden Nagetiere zu liefern. Es bleibt abzuwarten, welche weiteren Geheimnisse die Erde in dieser einzigartigen Region noch preisgeben wird.
