In den letzten Jahrzehnten haben sich vergletscherte Regionen weltweit erheblich gewandelt. Wo früher massive Eismassen vorherrschten, bilden sich zunehmend Gletscherseen, die sowohl wertvolle Wasserressourcen darstellen als auch schützenswerte Ökosysteme sind. Ein Forschungsteam der Universität Potsdam hat in Zusammenarbeit mit der University of Leeds die Verbreitung und das Volumen dieser Gletscherseen weltweit untersucht und dabei verschiedene Nutzungsmöglichkeiten identifiziert, die insbesondere in Regionen mit großen Gletschern von Bedeutung sind. Ihre Erkenntnisse wurden in der Fachzeitschrift „Nature Water“ veröffentlicht.
Die fortschreitende Gletscherschmelze infolge des Klimawandels hat zur Entstehung von mehr als 71.000 Gletscherseen global geführt. Diese Seen sind nicht nur Indikatoren des Klimawandels, sondern auch Speicher für etwa 2.000 Kubikkilometer Süßwasser – das entspricht mehr als dem 40-fachen Volumen des Bodensees. Dennoch sind diese Wasserressourcen ungleich verteilt. Dr. Georg Veh, der Erstautor der Studie, weist darauf hin, dass über 80 Prozent der Gletscherseen kleiner als 0,1 Quadratkilometer sind und zusammen weniger als ein Prozent des Gesamtvolumens speichern. Der Großteil des Wassers konzentriert sich in den 40 größten Seen, die mehr als die Hälfte des globalen Schmelzwassers beinhalten.
Die wachsende Zahl und das Volumen dieser Gletscherseen wecken das Interesse an ihrer Nutzung. Sie könnten als touristische Attraktionen, Trinkwasserreservoirs oder als Quelle für Wasserkraft dienen. Aber wo liegt das größte Potenzial für eine solche Nutzung? Die bedeutendsten Gletscherseen befinden sich in den Regionen mit den größten Gletschern, wie Grönland, Alaska und der kanadischen Arktis, wo etwa zwei Drittel des gesamten Gletscherseevolumens zu finden sind. Allerdings sind diese Seen oft in abgelegenen Gebieten gelegen, was die wirtschaftliche Nutzung erschwert.
Im Vergleich dazu ist das Volumen der Gletscherseen in den europäischen Alpen mit nur 0,2 Prozent des globalen Volumens relativ gering. Die zukünftige Entwicklung dieser Seen wird voraussichtlich nur geringfügige Veränderungen zeigen, da bereits ein Großteil des Gletschereises verloren gegangen ist und die verbleibenden Gletscher in den steilen Gebirgen nur Platz für kleinere Seen bieten. Zudem ist das Wasserkraftpotenzial der meisten großen Seen in den Alpen bereits weitgehend ausgeschöpft.
Dennoch gibt es Möglichkeiten zur gezielten Erhöhung des Wasservolumens einzelner Seen. Ein Beispiel ist das Gornerli-Projekt in den Schweizer Alpen, das den Bau einer Staumauer vorsieht, um einen kleinen natürlichen See in einen Stausee mit über 150 Millionen Kubikmetern Wasser zu verwandeln. Dies könnte genug Energie für mehr als 140.000 Haushalte liefern, jedoch sind die Kosten für ein solches Projekt mit etwa 375 Millionen US-Dollar erheblich.
Die Herausforderung besteht darin, eine Balance zwischen wirtschaftlicher Nutzung und dem Schutz der natürlichen Ökosysteme zu finden. Gletscherseen sind dynamische Lebensräume, deren Form und Tiefe sich durch Sedimentablagerungen verändern können. Simulationen zeigen, dass insbesondere kleine Gletscherseen nur wenige Jahrhunderte bestehen bleiben werden, bevor sie durch sedimentäre Ablagerungen verlanden. In den Alpen könnte das Volumen dieser Seen bis zum Jahr 2200 um 10 bis 50 Prozent sinken.
Gletscherseen stellen ein öffentliches Gut dar, was ein nachhaltiges Management erfordert, das verschiedene Funktionen berücksichtigt, darunter Wasserkraft, Tourismus und den Erhalt empfindlicher Ökosysteme. Die neuen Schätzungen über das Volumen und die Lebensdauer der Gletscherseen bieten wertvolle Entscheidungsgrundlagen für politische Entscheidungsträger und Planer, um die regionale Süßwasserversorgung und die damit verbundenen Ökosystemleistungen besser einschätzen zu können. Das Verständnis dieser komplexen Dynamiken ist entscheidend, um die Herausforderungen des Klimawandels zu bewältigen und die wertvollen Wasserressourcen für zukünftige Generationen zu erhalten.
