Historischer Tiefstand in der Ostsee: Droht ein massiver Salzwassereinbruch aus der Nordsee?**

Historischer Tiefstand in der Ostsee: Droht ein massiver Salzwassereinbruch aus der Nordsee?**

Seit Anfang Januar 2026 beobachten Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) einen signifikanten Rückgang des Wasserstandes in der Ostsee. An der Messstation Landsort-Norra in Schweden wurden Werte erfasst, die den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1886 darstellen. Die andauernden starken Ostwinde haben dazu geführt, dass Wasser aus der Ostsee durch die engen Meerengen in die Nordsee gedrückt wurde, was zu einem dramatischen Rückgang des Wasserstands geführt hat. Am 5. Februar 2026 wurde ein Mittelwert von über 67 Zentimetern unter dem langjährigen Durchschnitt gemessen. Dies bedeutet, dass der Ostsee momentan etwa 275 Kubikkilometer Wasser im Vergleich zu den üblichen Werten fehlen.

Solche extrem niedrigen Pegelstände sind in der Ozeanographie ein Indikator für die Möglichkeit eines großen Salzwassereinbruchs aus der Nordsee in die Ostsee. Bereits bei Wasserständen, die 20 Zentimeter unter dem mittleren Meeresspiegel liegen, erhöhen sich die Chancen für einen solchen Einstrom signifikant. Mit dem derzeitigen Wert von über 65 Zentimetern unter dem Normalstand sind die Voraussetzungen für einen massiven Salzwassereinbruch besonders günstig.

Die Wissenschaftler des IOW konzentrieren sich nicht nur auf die aktuellen Wasserstände, sondern auch auf die bevorstehenden meteorologischen Entwicklungen. Um einen großen Salzwassereinbruch zu ermöglichen, muss die gegenwärtige Ostwindlage durch anhaltende Westwinde abgelöst werden. Diese Westwinde könnten salz- und sauerstoffreiches Wasser aus der Nordsee in die Ostsee drücken, was für die tiefen Becken der Ostsee von großer ökologischer Bedeutung wäre. In diesen Bereichen herrscht oft über Jahre hinweg Sauerstoffmangel, der das marine Ökosystem bedroht.

Michael Naumann, einer der Koordinatoren des IOW-Langzeitbeobachtungsprogramms, äußert sich optimistisch über die Chancen für einen größeren Salzwassereinbruch in den kommenden Wochen. Aktuelle Berechnungen zeigen eine Wahrscheinlichkeit von 80 bis 90 Prozent für einen derartigen Ereignis, was die Wissenschaftler dazu veranlasst, ihre Messungen zu intensivieren. Hierbei kommt auch die autonome Messstation Darßer Schwelle zum Einsatz, die kontinuierliche Daten zu Strömung, Salzgehalt und Sauerstoffgehalt liefert. Diese Informationen sind entscheidend, um die Auswirkungen eines möglichen Salzwassereinbruchs auf das Ökosystem der Ostsee zu verstehen.

Ein besonderes Merkmal eines solchen Ereignisses in den späten Wintermonaten wäre die niedrigere Temperatur des einströmenden Nordseewassers. Kaltes Wasser kann mehr Sauerstoff speichern als warmes Wasser, was bedeuten würde, dass ein kräftiger Einstrom von Nordseewasser die Sauerstoffsituation in den tiefen Gewässern der Ostsee verbessern könnte. Zudem könnte ein solcher Einstrom die seit langem erhöhten Wassertemperaturen in diesen Bereichen reduzieren, was für die marine Fauna von großer Bedeutung wäre.

Die gesteigerten Wassertemperaturen führen derzeit zu einer verstärkten mikrobiellen Aktivität, die den Abbau organischer Substanzen beschleunigt und die Sauerstoffkonzentration weiter verringert. Dies kann dazu führen, dass tiefere Wasserschichten für Fische und andere Lebensformen unbewohnbar werden und dass Nährstoffe aus dem Sediment freigesetzt werden, was die eutrophierenden Bedingungen in der Ostsee weiter verschärfen könnte.

Die Wissenschaftler am IOW setzen auf eine Kombination aus historischen Daten und aktuellen Messungen, um die potenziellen Auswirkungen eines Salzwassereinbruchs präzise zu bewerten. In den kommenden acht Wochen plant das IOW-Schiff ‚Elisabeth Mann Borgese‘, umfangreiche Messungen in relevanten Seegebieten durchzuführen, um das Geschehen genau zu dokumentieren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die aktuellen Bedingungen in der Ostsee sowohl eine Herausforderung als auch eine Möglichkeit für das marine Ökosystem darstellen. Der historische Wasserstand, gepaart mit den bevorstehenden meteorologischen Bedingungen, könnte zu einem bedeutenden Salzwassereinbruch führen, der die Dynamik und Gesundheit der Ostsee nachhaltig beeinflussen könnte.