Neue Wege zur Kombination von Lebensmittelsicherheit und Nachhaltigkeit**

Neue Wege zur Kombination von Lebensmittelsicherheit und Nachhaltigkeit**

In einem aktuellen Beitrag, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Frontiers in Science“, wird ein innovativer Ansatz zur Lebensmittelsicherheit diskutiert, der darauf abzielt, Sicherheit und Nachhaltigkeit in der Lebensmittelproduktion in Einklang zu bringen. Die Studie, angeführt von der Professorin Sophia Johler von der Ludwig-Maximilians-Universität München und ihren Kollegen von der Cornell University, hinterfragt die herkömmlichen Prinzipien der Lebensmittelsicherheit und plädiert für einen Paradigmenwechsel hin zu einer risikobasierten Bewertung von Lebensmitteln.

Jährlich erkranken weltweit etwa 600 Millionen Menschen an lebensmittelbedingten Krankheiten, was zu rund 420.000 Todesfällen führt. In vielen Fällen führt der Nachweis von Krankheitserregern in Lebensmitteln jedoch nicht zwangsläufig zu einem tatsächlichen Risiko für die Verbraucher. Die derzeit verwendeten Nachweismethoden sind so empfindlich, dass sie selbst kleinste Mengen von Pathogenen oder deren Toxinen erfassen können. Dies hat zu einer „Nulltoleranz“-Politik geführt, bei der Lebensmittel oft sofort verworfen werden, sobald ein Erreger nachgewiesen wird – unabhängig von der tatsächlichen Gefährdung, die von der Dosis oder der Exposition abhängt.

Professorin Johler betont, dass das Streben nach absoluter Lebensmittelsicherheit nicht nur unrealistisch, sondern auch umweltschädlich ist. „Nullrisiko existiert nicht – und sollte auch nicht das Ziel sein“, erklärt sie. Die übermäßige Fokussierung auf die Sicherheit von Lebensmitteln könnte gravierende negative Auswirkungen auf die Umwelt und die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln haben, ohne die öffentliche Gesundheit signifikant zu verbessern. Stattdessen fordern die Forscher evidenzbasierte Zielwerte für „hinreichend sichere“ Lebensmittel, die sowohl die Sicherheit als auch die Umweltbilanz berücksichtigen.

Die Lebensmittelproduktion ist für etwa 30 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Angesichts der Notwendigkeit, die Ernährungssysteme nachhaltiger zu gestalten, könnte ein Umdenken bei der Bewertung von Lebensmitteln, weg von einer strikten Nulltoleranz hin zu akzeptierbaren Sicherheitsstandards, erheblich zur Reduzierung von Umweltbelastungen beitragen. Johler unterstreicht, dass Lebensmittelsicherheit, Nachhaltigkeit und Ernährungssicherheit als miteinander verbundene Herausforderungen betrachtet werden müssen.

Ein zukunftsweisender Ansatz zur Risikobewertung könnte laut den Autoren die Integration moderner datengestützter Modelle umfassen. Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, Genomik und umfangreichen Datensätzen könnten Risiken präziser erfasst und akzeptable Schutzniveaus festgelegt werden. „Datengetriebene Modelle und Künstliche Intelligenz ermöglichen eine genauere Einschätzung komplexer Risiken in der realen Welt“, erklärt Johler. Dabei sollte die Lebensmittelsicherheit in einem breiteren Kontext betrachtet werden, der auch Nachhaltigkeit, Ernährungssicherheit und soziale Prioritäten umfasst.

Der Artikel liefert wichtige Impulse für Entscheidungsträger in Politik, Industrie und Forschung, um von der Nulltoleranz-Politik abzurücken und stattdessen ein ausgewogenes, wissenschaftlich fundiertes Risikomanagement zu etablieren. Ein solcher Ansatz könnte nicht nur die Lebensmittelsicherheit verbessern, sondern auch zur Reduktion von Lebensmittelverschwendung und zur Förderung nachhaltiger Produktionsmethoden beitragen.

Insgesamt zeigt die Forschung von Johler und ihren Kollegen, dass es an der Zeit ist, die Rahmenbedingungen für die Bewertung von Lebensmitteln zu überdenken. Ein Umstieg auf eine risikobasierte Beurteilung könnte nicht nur die Sicherheit der Verbraucher erhöhen, sondern auch die Umwelt entlasten und die Verfügbarkeit von Lebensmitteln sichern. Die Kombination von Sicherheit und Nachhaltigkeit könnte somit einen entscheidenden Beitrag zur Resilienz und Zukunftsfähigkeit der globalen Ernährungssysteme leisten.