Bäume auf Viehweiden: Ein Schlüssel zur Erhöhung der Artenvielfalt**

Bäume auf Viehweiden: Ein Schlüssel zur Erhöhung der Artenvielfalt**

Eine aktuelle Studie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) hat gezeigt, dass die Integration von Bäumen in Rinderweiden die Biodiversität erheblich steigern kann. Diese Erkenntnis könnte eine entscheidende Rolle im Spannungsfeld zwischen Rinderhaltung und dem Schutz tropischer Wälder spielen. Rinderhaltung ist nicht nur eine bedeutende Ursache für die Abholzung in tropischen Regionen, sondern bietet auch vielen Kleinbauern weltweit eine wichtige Lebensgrundlage. Die Forschungsergebnisse, die in der Fachzeitschrift „Ecological Applications“ veröffentlicht wurden, zeigen, dass agroforstliche Systeme, bei denen Bäume in Weideland gepflanzt werden, die Artenvielfalt nahezu verdoppeln können.

Die Studie bezieht sich auf eine Metaanalyse von 45 Einzelstudien aus 15 verschiedenen Ländern, die sich über vier biogeografische Regionen erstrecken. Die Forscher fanden heraus, dass Weiden mit Bäumen 44 Prozent mehr Arten und fast doppelt so viele Individuen im Vergleich zu baumlosen Weiden beherbergen. In vielen Fällen war der Artenreichtum solcher Weiden sogar vergleichbar mit dem von nahen, natürlichen Wäldern. Dr. Ricardo Perez-Alvarez, der Hauptautor der Studie, äußerte sich überrascht über die signifikanten Unterschiede, die über verschiedene Landschaften hinweg festgestellt wurden.

Bisher wurde Agroforstwirtschaft oft im Zusammenhang mit dem Anbau von Nutzpflanzen wie Kaffee oder Kakao betrachtet. Diese neue Forschung zeigt jedoch, dass die Prinzipien der Agroforstwirtschaft auch für die Rinderhaltung von zentraler Bedeutung sind. Da Weideland eine viel größere Fläche einnimmt als Ackerland, könnte die Umwandlung selbst kleiner Flächen degradierter Weiden in silvopastorale Systeme erhebliche Vorteile für die Biodiversität bieten.

Die Studie hebt hervor, dass nicht alle Arten gleich von der Anwesenheit von Bäumen profitieren. Besonders stark war der Anstieg bei Pflanzen (plus 89 Prozent) und bodenbewohnenden kleinen wirbellosen Tieren wie Insektenlarven und Regenwürmern (plus 81 Prozent). Bei Insekten wurde sogar ein Anstieg von 68 Prozent festgestellt. Im Kontrast dazu zeigten Vögel, Säugetiere und Bodenmikroorganismen keine signifikanten Unterschiede zwischen baumreichen und baumlosen Weiden.

Geografisch betrachtet waren die Vorteile von silvopastoralen Systemen insbesondere in tropischen und subtropischen Regionen ausgeprägt, wo die Biodiversität um 40 Prozent (für tropische Regionen) und 42 Prozent (für subtropische Regionen) höher war. Diese Erkenntnisse sind besonders wichtig, da in diesen Gebieten der Verlust an Biodiversität durch die Ausweitung der Rinderhaltung am gravierendsten ist. In gemäßigten und mediterranen Regionen hingegen wiesen Weiden mit und ohne Bäume ähnliche Biodiversitätsniveaus auf.

Ein wichtiger Aspekt der Studie ist die Unterscheidung zwischen silvopastoralen Systemen und nativen Wäldern. Obwohl beide Arten von Lebensräumen ähnliche Biodiversitätsniveaus aufweisen können, sind sie ökologisch nicht gleichwertig. Professorin Emily Poppenborg Martin, eine der leitenden Autorinnen der Studie, betont, dass einheimische Wälder unverzichtbare Rückzugsgebiete für seltene Arten und solche, die große, ungestörte Lebensräume benötigen, bleiben. Silvopastorale Systeme sollten daher nicht als Ersatz für Waldschutz, sondern als wertvolle Ergänzung betrachtet werden. Sie können sekundäre Lebensräume zwischen Waldfragmenten schaffen und die ökologische Funktion degradierter Weideflächen wiederherstellen.

Die Integration von Bäumen in Rinderweiden stellt eine vielversprechende Strategie zur Wiederherstellung der Biodiversität dar, sofern sie strategisch und unter Berücksichtigung des geografischen Kontexts sowie der lokalen Artenvielfalt umgesetzt wird. Politische Entscheidungsträger sollten diese Erkenntnisse berücksichtigen, wenn sie globale Renaturierungsziele verfolgen. Es ist wichtig, dass die Förderung solcher agroforstlichen Systeme nicht unbeabsichtigt zu weiterer Abholzung führt.

Insgesamt bieten silvopastorale Systeme eine innovative Möglichkeit, die Bedürfnisse der Nahrungsmittelproduktion mit dem Schutz der Biodiversität in den am meisten gefährdeten Landschaften der Erde zu vereinbaren.