Der stille Verlust: Die Bedeutung genetischer Vielfalt für den Artenschutz**

Der stille Verlust: Die Bedeutung genetischer Vielfalt für den Artenschutz**

Der Erhalt der genetischen Vielfalt ist von entscheidender Bedeutung für das Überleben von Arten und deren Anpassungsfähigkeit an sich verändernde Umweltbedingungen. Diese Vielfalt stärkt die Resilienz und die langfristige Stabilität von Populationen. Ein internationales Forschungsteam hat nun einen innovativen Ansatz entwickelt, um genetisch differenzierte Gruppen innerhalb einer Art präziser zu identifizieren. Dieser neue Ansatz könnte dazu beitragen, die Bewertung von Aussterberisiken zu verbessern und das Potential für Wiederansiedlungen zu erhöhen. Das übergeordnete Ziel besteht darin, den Verlust genetischer Vielfalt zu minimieren und sicherzustellen, dass genetisch einzigartige Populationen angemessen geschützt werden.

Die Internationale Union für Naturschutz (IUCN) hat mit ihrer Roten Liste bedrohter Arten, die mehr als 163.000 Arten umfasst, einen globalen Standard zur Einschätzung des Aussterberisikos etabliert. Diese Bewertungen spielen eine entscheidende Rolle bei der Priorisierung von Naturschutzressourcen und der Dringlichkeit von Maßnahmen. Prof. Dr. Deborah Leigh vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt betont, dass trotz der zentralen Bedeutung der genetischen Vielfalt für das langfristige Überleben einer Art diese in den aktuellen Bewertungen häufig nicht ausreichend berücksichtigt wird. Dies liegt zum einen an der mangelnden Verfügbarkeit genetischer Daten und zum anderen an der Abwesenheit standardisierter Methoden zur Integration dieser Daten in die Bewertungen.

Derzeit basieren die Bewertungen größtenteils auf demografischen Trends und dem Verlust von Lebensräumen, wobei das Aussterberisiko in der Regel auf der Ebene ganzer Arten abgeleitet wird. Genetisch unterschiedliche Einheiten innerhalb einer Art werden oft nicht systematisch betrachtet, was dazu führt, dass wesentliche Aspekte der Biodiversität, insbesondere genetische Unterschiede, die für die Anpassungsfähigkeit und Stabilität von Bedeutung sind, unberücksichtigt bleiben.

Um diesem Mangel abzuhelfen, plädiert Leigh gemeinsam mit einem internationalen Team von Forschern aus verschiedenen Ländern für eine stärkere Fokussierung auf die genetische Diversität innerhalb der Arten. Dazu zählen evolutionär signifikante Einheiten (ESUs) sowie Subpopulationen. ESUs sind Abstammungslinien innerhalb einer Art, zwischen denen nur ein minimaler genetischer Austausch stattfindet. Diese Einheiten entwickeln sich weitgehend unabhängig, was zu einzigartigen Anpassungen und genetischen Variationen führt, die in anderen Regionen nicht zu finden sind.

Die gezielte Bewertung solcher genetischer Einheiten könnte einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den Verlust genetischer Vielfalt zu verlangsamen. Naturschutzverantwortliche könnten so identifizieren, welche Einheiten einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind, und entsprechende Management- und Schutzmaßnahmen entwickeln. Der neuartige Ansatz, den das Forschungsteam vorstellt, erfordert dabei keine teuren und schwer zu beschaffenden genetischen Daten, sondern kombiniert eine Vielzahl von Informationsquellen, darunter klassische genetische Analysen, geografische Verbreitungsdaten, ökologische Unterschiede sowie traditionelles und indigenes Wissen.

Obwohl auch die Green-Status-Bewertung, die sich mit der Erholung von Arten befasst, an Bedeutung gewinnt, berücksichtigt sie die genetische Vielfalt nicht direkt. Leigh hebt hervor, dass einige Arten von der IUCN aufgrund steigender Populationszahlen hohe Erholungsbewertungen erhielten, obwohl sie einen erheblichen Teil ihrer genetischen Vielfalt verloren hatten. Ein Beispiel dafür ist der Alpensteinbock, dessen Population im 19. Jahrhundert aufgrund intensiver Bejagung dramatisch reduzierte. Obwohl heute über 40.000 Tiere in den Alpen leben, stammen alle von einer kleinen Gruppe von weniger als 100 Individuen ab, was zu einem erheblichen Verlust an genetischer Diversität geführt hat.

Das internationale Forschungsteam testet derzeit den neuen Ansatz ausgiebig, um seine Anwendung in der Artenschutzbewertung zu ermöglichen. Insbesondere soll er dazu beitragen, das Wiederherstellungspotenzial und das Aussterberisiko besser zu bewerten. Mit der Verabschiedung neuer Ziele zur genetischen Vielfalt auf der UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt im Jahr 2022 hoffen die Forscher, dass ihre Arbeit zur Erreichung dieser Ziele beiträgt. Die genetische Vielfalt ist ein zentraler Faktor für das Überleben von Arten, da sie deren Fitness, Anpassungsfähigkeit und Widerstandskraft gegenüber Umweltveränderungen und Krankheiten stärkt. Ein dringender Handlungsbedarf besteht, um genetische Aspekte in Naturschutzprogramme zu integrieren, den weltweiten Verlust der Biodiversität zu stoppen und effektive Schutzmaßnahmen zu planen.