Der Amazonas, das größte tropische Regenwaldgebiet der Welt, steht vor einer ernsthaften Bedrohung durch den globalen Wandel. Eine aktuelle Studie der Universität Zürich zeigt alarmierende Ergebnisse: Indigene Kulturen im Amazonas könnten bis 2080 bis zu einem Drittel ihrer genutzten Pflanzenarten verlieren. Diese Erkenntnisse werfen ein Licht auf die weitreichenden Folgen des Klimawandels und den Verlust indigener Sprachen, die beide das biokulturelle Wissen und Erbe dieser Gemeinschaften gefährden.
Im Amazonas leben über 400 indigene Völker, die eine immense Vielfalt an Pflanzen nutzen, die für ihre Ernährung, kulturellen Praktiken und Heilmethoden von zentraler Bedeutung sind. Das Wissen um diese Flora wird überwiegend mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Die Studie, geleitet von Professor Rodrigo Cámara Leret, hat eine umfassende Datenbank erstellt, die Informationen über die Nutzung von Pflanzen in den Amazonasländern Brasilien, Peru, Kolumbien, Bolivien, Ecuador, Venezuela, Guyana, Suriname und Französisch-Guayana zusammenfasst. Diese Datenbank umfasst Berichte aus über 500 Jahren und zeigt, dass indigene Gemeinschaften mindestens 5796 verschiedene Pflanzenarten nutzen.
Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen, dass der Klimawandel die Verbreitungsgebiete der Pflanzen, die von den indigenen Völkern verwendet werden, stärker reduzieren wird als die der nicht genutzten Pflanzenarten. Simulierte Modelle zeigen, dass bis zum Jahr 2080 durchschnittlich 28 bis 34 Prozent der genutzten Pflanzenarten verschwinden könnten, was auch zu einem Verlust von 18 bis 23 Prozent der damit verbundenen Ökosystemleistungen führt. Dies hat schwerwiegende Konsequenzen für das biokulturelle Erbe der Region, das voraussichtlich um 26 Prozent geschmälert wird.
Ein zentraler Aspekt der Studie ist die Verbindung zwischen dem Verlust von Pflanzenarten und dem gleichzeitigen Verschwinden indigener Sprachen. Jede ausgestorbene Pflanzenart bringt den Verlust des indigenen Namens, der Nutzungsmöglichkeiten und des damit verbundenen Wissens über die Rolle der Pflanze im Ökosystem mit sich. Diese Dynamik führt zu einem schleichenden Verlust des kulturellen Erbes und des Wissens über die reichhaltige Flora des Amazonas.
Die Forschenden betonen, dass die spezifischen kulturellen Praktiken der indigenen Völker, wie die Nutzung von Tabak, der nicht nur als Genussmittel, sondern auch in kulturellen Ritualen eine Rolle spielt, den Respekt vor der Natur und das Bewusstsein für die Abhängigkeit des Menschen vom Regenwald widerspiegeln. Diese Alltagsrituale sind nicht nur Ausdruck der kulturellen Identität, sondern auch ein Indikator für die enge Verbindung zwischen Mensch und Natur im Amazonasgebiet.
Die Ergebnisse der Studie sind alarmierend, da sie aufzeigen, dass der klimatische Kipppunkt für den Amazonas nicht nur die biologische Vielfalt beeinträchtigen wird, sondern auch die bereits gefährdeten indigenen Sprachen und damit das gesamte kulturelle Erbe der Region. Dies könnte zu einer kaskadenartigen Zerschlagung des Wissens und der Identität der indigenen Gemeinschaften führen.
Um den negativen Auswirkungen des globalen Wandels entgegenzuwirken, setzen sich die Forschenden dafür ein, das Wissen über die Flora des Amazonas sowohl schriftlich zu dokumentieren als auch die mündliche Tradition der Wissensweitergabe zu bewahren. Die Studie soll als Leitfaden für die biologische Renaturierung und kulturelle Wiederherstellung dienen, um die schädlichen Auswirkungen auf die Ökosysteme und kulturellen Traditionen zu minimieren.
Insgesamt verdeutlicht die Forschung, wie wichtig es ist, den Erhalt des biokulturellen Erbes im Amazonas aktiv zu fördern. Nur durch die Zusammenarbeit mit den indigenen Gemeinschaften und die Anerkennung ihres Wissens über die Natur kann der Verlust an biologischer Vielfalt und kultureller Identität gestoppt werden. Die Zukunft des Amazonas und seines einzigartigen Erbes hängt davon ab, wie wir als globale Gemeinschaft auf die Herausforderungen des Klimawandels reagieren.


















































