
Nachhaltigkeit ist ein vielschichtiges Konzept, das weit über die bloße Veränderung der Landnutzung hinausgeht. Die Frage, ob eine Region nachhaltig wirtschaftet, kann nicht allein durch die Betrachtung lokaler Fortschritte beantwortet werden. Dies wird in einer aktuellen Studie von Forschenden der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und der Universidad Nacional de Colombia in Bogotá deutlich. Ihre Erkenntnisse, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Global Environmental Change“, zeigen, dass lokale Erfolge in der nachhaltigen Landnutzung oft nicht auf die gesamte Region übertragbar sind. Das Forschungsteam hat ein neues Modell entwickelt, das die komplexe Beziehung zwischen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Faktoren analysiert.
Nachhaltigkeit ist ein empfindliches Gleichgewicht, das auf drei Säulen beruht: ökologischer Verträglichkeit, rechtlicher Absicherung und sozialer Gerechtigkeit. In der Praxis erweist sich diese Verknüpfung jedoch als besonders herausfordernd. Um die Dynamiken der nachhaltigen Landnutzung besser zu verstehen, haben die Forscher das „Territorial Sustainability Doughnut Model“ (TSDM) entwickelt. Dieses Modell basiert auf der „Donut-Ökonomie“ der britischen Ökonomin Kate Raworth, die einen sicheren Handlungsraum zwischen den sozialen Grundbedürfnissen und den ökologischen Grenzen der Erde beschreibt.
Das TSDM bringt das abstrakte Konzept der Donut-Ökonomie in einen konkreten Kontext für ländliche Räume. Es verbindet Informationen über die Eignung der Landnutzung, die Entwicklung von Ökosystemdienstleistungen und soziale Daten auf drei Ebenen: lokal, kommunal und regional. Dabei werden Satellitendaten zur Landnutzung mit Informationen über ökologische Leistungen und die Lebensbedingungen der Bevölkerung zusammengeführt.
Ein konkretes Beispiel für die Anwendung dieses Modells ist die Untersuchung der Region Montes de María in Kolumbien, die lange von gewaltsamen Konflikten geprägt war. Die Analyse erstreckte sich über den Zeitraum von 2010 bis 2023 und umfasste sowohl Datenanalysen als auch Interviews mit Experten und Anwohnern. Die Ergebnisse zeigten, dass die Fortschritte in einzelnen Dorfgemeinschaften nicht auf die gesamte Region übertragen werden können. Während einige Dörfer bemerkenswerte Fortschritte in der nachhaltigen Landnutzung erzielt haben, stehen sie oft vor großen Herausforderungen, die auf ungleiche regionale Strukturen zurückzuführen sind.
Miguel Ramírez, Erstautor der Studie, betont, dass „Nachhaltigkeit keine Ansammlung einzelner Erfolgsgeschichten“ ist. Solange in der Region unsichere Landrechte und ungleiche Strukturen bestehen, bleibt die nachhaltige Entwicklung fragil. Die Forscher identifizierten als zentrale Hindernisse widersprüchliche Planungen, begrenzte staatliche Kapazitäten und den massiven Anbau von Monokulturen, insbesondere von Ölpalmen. Gleichzeitig wurden jedoch auch positive Entwicklungen dokumentiert, wie gemeinschaftliche Renaturierungsprojekte und lokal ausgehandelte Vereinbarungen zur Landnutzung.
Das TSDM bietet Planerinnen und Planern ein wertvolles Analysewerkzeug, um die Gründe zu verstehen, warum ökologische Initiativen häufig an sozialen und politischen Barrieren scheitern. Wie PD Dr. André Große-Stoltenberg von der JLU erklärt, geht es nicht darum, neue Kennzahlen zu schaffen, sondern vielmehr darum, bestehende Daten in einen sinnvollen Kontext zu setzen. Das Modell verdeutlicht, dass die Betrachtung von Landnutzung, Ökosystemleistungen und sozialen Bedingungen in Regionen, die sich nach Konflikten neu orientieren, entscheidend für den Erfolg von Nachhaltigkeitsinitiativen ist.
Diese Studie ist Teil des SDGnexus Networks, das vom DAAD mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert wird. Das Netzwerk hat sich der Förderung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verschrieben und zielt darauf ab, innovative Ansätze für einen transformativen Wandel zu erforschen und Brücken zwischen Wissenschaft, Bildung und Entwicklung zu bauen.
Insgesamt verdeutlicht die Forschung, dass Nachhaltigkeit ein komplexes Zusammenspiel von Faktoren ist, das nicht isoliert betrachtet werden kann. Lokale Erfolge in der nachhaltigen Landnutzung müssen immer im Kontext regionaler Gegebenheiten analysiert werden, um effektive und gerechte Lösungen zu entwickeln.


















































