
Wilde Kapuzineraffen haben in einer aktuellen Studie gezeigt, dass sie bei der Auswahl ihrer Steinwerkzeuge nicht nur die physikalischen Eigenschaften der Steine berücksichtigen, sondern auch auf Hinweise aus der Vergangenheit achten. Diese Erkenntnisse stammen von einem Team von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Deutschland und der Universität São Paulo in Brasilien. Die Forscher haben untersucht, wie diese Affen zwischen verschiedenen Steinen wählen, die unterschiedliche Härtegrade und Oberflächenmerkmale aufweisen, und ob sie dabei auch sichtbare Spuren einer früheren Nutzung in ihre Entscheidungsfindung einbeziehen.
Die Studie konzentrierte sich auf zwei Gruppen von Rückenstreifen-Kapuzinern (Sapajus libidinosus) in Brasilien. Die Forscher führten drei experimentelle Aufgaben durch, bei denen die Affen standardisierte Steine zur Verfügung hatten. In diesen Aufgaben konnten die Affen zwischen unbenutzten, unveränderten Steinen und solchen mit sichtbaren Abnutzungsspuren wählen.
In der ersten Aufgabe, bei der alle Steine unbenutzt waren, zeigte sich, dass die Affen unterschiedliche Materialien für verschiedene Zwecke auswählten. Weichere Steine dienten als Ambosse, während härtere Steine als Hammer verwendet wurden. Dies deutet darauf hin, dass Kapuzineraffen ein gewisses Verständnis dafür haben, wie sich die Eigenschaften eines Materials auf dessen Funktionalität auswirken. Überraschenderweise wählten die Affen konsequent die Steine basierend auf der Härte, ohne dass eine erkennbare vorherige Nutzung vorlag. Dies lässt darauf schließen, dass die Wahl der Steine nicht einfach eine Gewohnheit ist, sondern dass die Tiere ein Bewusstsein für die physikalischen Anforderungen ihrer Aufgaben besitzen.
Im zweiten Experiment hatten die Affen die Möglichkeit, zwischen einem unbenutzten Nussknackplatz und einem Ort zu wählen, an dem bereits abgenutzte Steine und zerbrochene Nussschalen zu finden waren. Die Ergebnisse zeigten deutlich, dass die Affen den bereits genutzten Platz bevorzugten und dort weiterhin weichere und härtere Steine auswählten, die sichtbare Abnutzungsspuren aufwiesen.
In der dritten Aufgabe wurden unbenutzte und gebrauchte Steine direkt gegenübergestellt. Hier war ein interessantes Muster zu beobachten: Bei den Ambossen wählten die Affen die Steine mit Nutzungsspuren vor denen, die zwar bessere Materialeigenschaften hatten. Dies zeigt, dass die Affen bereit waren, die physikalischen Eigenschaften zugunsten von sozialen Hinweisen zurückzustellen. Bei den Hammersteinen war hingegen kein klarer Trend hinsichtlich der Härte erkennbar, sobald die Affen die Spuren früherer Nutzung sahen.
Die Ergebnisse der Studie haben wichtige Implikationen für unser Verständnis des sozialen Lernens bei Kapuzineraffen. Es zeigt sich, dass diese Affen nicht unbedingt die direkten Aktionen anderer Individuen beobachten müssen, um zu lernen. Stattdessen können sie aus den physischen Spuren, die andere hinterlassen, Informationen darüber ableiten, wie eine Aufgabe erfolgreich durchgeführt wurde. Solche Spuren, wie abgenutzte Steine und zurückgelassene Nussschalen, könnten eine entscheidende Rolle bei der Weitergabe und Bewahrung von Werkzeugtraditionen über Generationen spielen.
Diese Erkenntnisse sind nicht nur für die Primatenforschung von Bedeutung, sondern bieten auch neue Perspektiven für die Archäologie. Bisher wurden Ansammlungen von veränderten Steinen an archäologischen Stätten hauptsächlich hinsichtlich der verfügbaren Rohmaterialien und der praktischen Anforderungen an die Aufgaben betrachtet. Die vorliegende Studie legt jedoch nahe, dass sichtbare Spuren früherer Nutzung eine bedeutende Rolle bei der Motivation früher Homininen gespielt haben könnten, bestimmte Orte erneut aufzusuchen und die vorhandenen Materialien wiederzuverwenden.
Zusammenfassend zeigt die Forschung, dass wilde Kapuzineraffen durch die Berücksichtigung von Nutzungsspuren bei der Wahl ihrer Werkzeuge einen bemerkenswerten Grad an sozialem Lernen aufweisen. Diese Form des Lernens könnte es ihnen ermöglichen, effektive Werkzeugtraditionen zu entwickeln und aufrechtzuerhalten, was weitreichende Implikationen für das Verständnis der kulturellen Evolution sowohl bei modernen Primaten als auch bei unseren frühen Vorfahren hat.


















































