Mängel bei Nachhaltigkeitskontrollen: Eine Studie zur Integrität von Prüfungsprozessen im Kakaoanba…

Mängel bei Nachhaltigkeitskontrollen: Eine Studie zur Integrität von Prüfungsprozessen im Kakaoanba…

Eine aktuelle Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich) hat alarmierende Schwächen bei den Nachhaltigkeitskontrollen im Kakaoanbau aufgezeigt. Die Forschung befasst sich mit einem spezifischen Programm, das auf der Elfenbeinküste durchgeführt wird, und kommt zu dem Ergebnis, dass in etwa einem Viertel der Fälle die von Landwirten angegebenen Daten manipuliert wurden, um die Anforderungen des Programms zu erfüllen. Besonders besorgniserregend ist, dass die Wahrscheinlichkeit von Datenmanipulationen signifikant ansteigt, wenn den Prüfer:innen die Zielvorgaben bekannt sind. Wenn diese Informationen nicht zur Verfügung stehen, halbiert sich die Rate der falschen Angaben.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind von großer Bedeutung für Unternehmen, Behörden und Zertifizierungsstellen, die sich mit der Umsetzung nachhaltiger Lieferketten sowie der neuen EU-Entwaldungsverordnung befassen. Nachhaltigkeitslabels wie Rainforest Alliance oder Fairtrade sind für viele Verbraucher:innen ein Zeichen, dass die Produkte unter Berücksichtigung von Umwelt- und Sozialstandards hergestellt wurden. Diese Labels garantieren beispielsweise, dass bei der Kakaoernte keine Regenwälder gerodet und keine Kinderarbeit eingesetzt wird. Um diese Standards zu überprüfen, müssen Auditor:innen vor Ort Daten sammeln, beispielsweise zur Anzahl neu gepflanzter Bäume.

Federico Cammelli, der an der Studie mitgearbeitet hat, kritisiert die gegenwärtigen Strukturen der Zertifizierungsprogramme. Er argumentiert, dass entlang der gesamten Wertschöpfungskette Interessenskonflikte bestehen und es an Anreizen fehlt, die Daten unabhängig zu kontrollieren. Cammelli, der zuvor als Postdoc an der ETH Zürich tätig war und nun als unabhängiger Forscher arbeitet, hat in seiner Forschung die Integrität von Nachhaltigkeitsinitiativen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass manipulierte Angaben besonders häufig vorkommen, wenn den Prüfer:innen die erforderlichen Zielwerte bekannt sind.

Im Rahmen der Studie analysierten die Forschenden die Monitoringdaten von 407 Kakaofarmen, die an einem Baumpflanzprojekt teilnahmen. Diese Farmen waren Teil eines internationalen Nachhaltigkeitsprogramms. Die Landwirte wurden angehalten, Schattenbäume zu pflanzen, um die langfristige Gesundheit der Kakaobäume zu fördern und die Biodiversität zu erhöhen. Um die Genauigkeit der Angaben zu überprüfen, wurde ein System implementiert, bei dem die Auditoren die Anzahl der gepflanzten Bäume zählten und die Daten über Smartphones eingaben. Dieses System zeigte den Prüfer:innen sofort an, ob die Zählung mit den Angaben der Landwirte übereinstimmte.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass in Fällen, in denen die Kriterien beim ersten Audit erfüllt waren, die nachträglichen Änderungen der Daten nur bei 6 bis 7 Prozent der Betriebe vorkamen. Bei nicht bestandenen Prüfungen hingegen nahmen die Änderungen auf 33 Prozent zu. Dies lässt darauf schließen, dass die Prüfer:innen gezielt die für das Bestehen der Audits relevanten Daten anpassten. Zwar gibt es für die Prüfer:innen keine direkten Anreize zur Manipulation, jedoch sind sie oft motiviert, die Betriebe durch Bestehen der Prüfungen zu unterstützen, um gute Beziehungen aufrechtzuerhalten.

Ein weiterer interessanter Aspekt der Studie ist die Untersuchung, ob die Falschmeldungen durch Veränderungen im Monitoringprozess verringert werden können. Die Forschenden teilten die Farms in zwei Gruppen: Eine Gruppe erhielt Informationen über die Kriterien für das Bestehen der Audits, während die andere diese Informationen nicht erhielt. Die Manipulationsrate sank in der Gruppe ohne Vorabinformationen um mehr als die Hälfte.

Die Relevanz dieser Studie wird durch die bevorstehende EU-Entwaldungsverordnung unterstrichen, die von Unternehmen verlangt, die Herkunft ihrer Produkte zu überprüfen und sicherzustellen, dass keine Entwaldung nach 2020 stattgefunden hat. Die Ergebnisse der Forschung bieten wertvolle Einblicke für die Entwicklung effektiverer Monitoring-Systeme, die die Integrität nachhaltiger Lieferketten gewährleisten.

Die Forscher:innen betonen jedoch, dass die Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen nicht allein durch Anpassungen auf den einzelnen Farmen erreicht werden kann. Eine grundlegende Transformation der Einnahmenverteilung entlang der gesamten Lieferkette sei erforderlich, um nachhaltige Praktiken zu fördern und den Produzenten in den Erzeugerländern eine echte Existenzgrundlage zu bieten. Nur durch eine gerechtere Verteilung der Gewinne können Landwirte motiviert werden, in nachhaltige Produktionssysteme zu investieren.