
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Professor Cosimo Posth vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen hat bahnbrechende Erkenntnisse über die Besiedlungsgeschichte der pazifischen Inseln gewonnen. Die Ergebnisse, die kürzlich in der Fachzeitschrift Cell veröffentlicht wurden, beruhen auf der Analyse alter menschlicher DNA von Skeletten, die aus dem Südpazifik stammen. Diese Region umfasst bedeutende Inselgruppen wie Vanuatu, Fidschi und Tonga, die für ihre kulturelle und sprachliche Vielfalt bekannt sind.
In den letzten 3.000 Jahren hat sich die Bevölkerung dieser Inseln durch verschiedene Wanderungsbewegungen entwickelt, die nun genauer datiert werden konnten. Die Forscher untersuchten ein Gebiet, das mehr als 30 Millionen Quadratkilometer umfasst und mehr als 200 Sprachen beheimatet. Diese immense sprachliche und kulturelle Diversität ist das Ergebnis jahrhundertelanger Interaktionen zwischen unterschiedlichen Menschengruppen, die über das Meer zogen.
Die erste Besiedlung der Region fand vor etwa 5.000 Jahren in Südostasien statt, von wo aus die Menschen in Richtung des offenen Ozeans aufbrachen. „Die ersten Siedler erreichten die unbewohnten Inseln von Vanuatu, Fidschi und Tonga bereits vor 3.000 Jahren“, erklärt Dr. Michal Feldman, Erstautorin der Studie. Diese frühen Siedler stammten aus einer Population in Südostasien, während die heutigen Bewohner der Region genetische Verbindung zu diesen frühen Einwanderern sowie zu Menschen aus Papua aufweisen, die durch spätere Wanderungsbewegungen in die Region kamen.
Um diese komplexen Wanderungsbewegungen besser zu verstehen, sammelte das Forschungsteam genetische Daten von 72 menschlichen Überresten aus archäologischen Ausgrabungen auf den Salomonen, Vanuatu, Tonga und Fidschi. Insbesondere die Proben aus Fidschi stellen die ersten genetischen Daten von Menschen dieser Region dar, was die Forschung erheblich bereichert. Mithilfe eines interdisziplinären Ansatzes, der archäologische Beweise, Radiokarbondatierungen und morphologische Analysen der Skelettreste einbezog, konnten die Forscher präzisere zeitliche Abläufe der Migrationen rekonstruieren.
Die Ergebnisse zeigten, dass die erste Wanderungswelle aus Südostasien schneller voranschritt als die spätere Welle, die mit den Menschen aus Papua in Verbindung stand. „Wir haben festgestellt, dass die ersten Siedler aus Südostasien bereits vor 2.700 Jahren in Vanuatu lebten, während es mindestens 500 Jahre länger dauerte, bis Verwandte dieser Gruppe nach Fidschi zogen“, berichtet Cosimo Posth. Im Gegensatz dazu zeigen archäologische Beweise, dass die Migration aus Südostasien zügiger verlief.
Die Studie beleuchtet auch die genetische Geschichte polynesischer Gemeinschaften in Vanuatu, die heute noch existieren, obwohl sie geografisch außerhalb des polynesischen Dreiecks leben. „Diese Gemeinschaften wurden vor etwa tausend Jahren von Polynesiern gegründet, die über das Meer reisten“, erklärt Posth. Diese Entdeckung gibt Aufschluss über die Verbreitung polynesischer Kultur und Sprache in Regionen, die nicht direkt im polynesischen Dreieck liegen.
Zusätzlich führte das Forschungsteam eine detaillierte Untersuchung einer Gemeinschaft auf Fidschi durch, die vor rund 1.500 Jahren lebte. Sie analysierten Bestattungsfunde und genomische Verwandtschaftsanalysen, um einen Stammbaum über fünf Generationen zu rekonstruieren. Die Ergebnisse zeigten eine genetische Durchmischung mit Menschen aus der Papua-Gruppe, die in der Gemeinschaft ungleich verteilt war. Dies deutet darauf hin, dass bestimmte Gruppen innerhalb der Gemeinschaft soziale Praktiken pflegten, die auf den Erhalt von Wohlstand und sozialem Status abzielten.
Insgesamt bietet die Studie einen neuen Überblick über die komplexen Wechselwirkungen zwischen Menschheitswanderungen und den sozialen Strukturen der frühen Inselgesellschaften im Südpazifik. Die gewonnenen Erkenntnisse erweitern unser Wissen über die kulturelle und genetische Diversität dieser Region und eröffnen neue Perspektiven für zukünftige Forschungen. Die interdisziplinäre Herangehensweise der Forscher hat es ermöglicht, die vielschichtige Geschichte der Besiedlung im Südpazifik besser zu verstehen und die sozialen Dynamiken, die die Entwicklung dieser Inselgesellschaften prägten, zu beleuchten.


















































