Wiederentdeckung einer vergessenen Fledermausart: Die Ägyptische Schlitznase in Europa**

Wiederentdeckung einer vergessenen Fledermausart: Die Ägyptische Schlitznase in Europa**

Eine bemerkenswerte Entdeckung hat das zoologische Verständnis in Europa bereichert: Ein Forschungsteam hat auf der italienischen Insel Pantelleria die Ägyptische Schlitznase (Nycteris thebaica) identifiziert. Diese afrikanische Fledermaus war fast zwei Jahrhunderte lang in Europa übersehen worden und ist nun durch die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern der Universität Neapel Federico II, des Museums für Naturkunde in Berlin, der Humboldt-Universität und des Nationalparks Pantelleria dokumentiert worden. Die Ergebnisse dieser wichtigen Studie wurden in der Fachzeitschrift Global Ecology and Conservation veröffentlicht.

Die Insel Pantelleria, die sich im Sizilianischen Kanal zwischen Tunesien und Sizilien befindet, spielt eine zentrale Rolle in der Biogeografie. Sie fungiert als Brücke zwischen Nordafrika und Europa und hat sich als entscheidend für das Verständnis der Wanderungen afrikanischer Fledermäuse in den zentralen Mittelmeerraum erwiesen. Der Erstautor Danilo Russo, der an der Universität Neapel und am Museum für Naturkunde arbeitet, betont die Bedeutung dieser Entdeckung: „Einige zoologische Nachweise gelten nicht als verloren, weil die Arten verschwunden sind, sondern weil wir nicht die richtigen Methoden angewendet haben, um sie zu finden.“

Die Ägyptische Schlitznase ist eine Art, die in Afrika südlich der Sahara verbreitet ist und auch in Nordafrika und dem Nahen Osten vorkommt. Sie ist bekannt für ihre Fähigkeit, leise, hochfrequente Echoortungsrufe auszusenden, die sich nur schwer erfassen lassen, wenn die Tiere nicht in unmittelbarer Nähe sind. Aufgrund dieser Eigenschaften wurde die Art bei herkömmlichen akustischen Erfassungen häufig übersehen.

Die Entdeckung der Ägyptischen Schlitznase auf Pantelleria begann mit einem passiven akustischen Monitoring, bei dem ungewöhnliche Fledermausrufe aufgezeichnet wurden. Daraufhin führte das Forschungsteam gezielte Aufnahmen in der Nähe des ursprünglichen Standorts durch. Die Mikrofone wurden in geringer Höhe, weniger als einen halben Meter über dem Boden, platziert und auf hohe Empfindlichkeit eingestellt. Dies ermöglichte es den Wissenschaftlern, die schwachen Rufe der bodennah fliegenden Fledermaus zu erfassen, was zu hochwertigen Aufnahmen führte, die der Ägyptischen Schlitznase eindeutig zugeordnet werden konnten.

Die gesammelten Aufnahmen beinhalteten nicht nur Echoortungsrufe, sondern auch soziale Kommunikationslaute, die darauf hindeuten, dass es sich nicht lediglich um ein einzelnes, verirtes Tier handelte. Mirjam Knörnschild, eine Mitautorin der Studie, erklärt: „Die Aufnahmen deuten darauf hin, dass auf Pantelleria eine kleine, bislang unentdeckte Population vorhanden sein könnte.“ Dies könnte erklären, weshalb die Art bei früheren Erfassungen nicht identifiziert wurde. Bei üblichen Monitoring-Methoden werden Mikrofone oft in größerer Höhe angebracht, was die Erfassung leiser Rufe erschwert.

Die Ergebnisse dieser Studie unterstützen die Hypothese, dass Pantelleria und andere Inseln im sizilianischen Kanal als Trittsteine für nordafrikanische Fledermäuse fungiert haben. In früheren Zeiten, als der Meeresspiegel niedriger war, waren die Distanzen über das zentrale Mittelmeer möglicherweise kürzer, was die Besiedlung durch Fledermäuse erleichtert haben könnte.

Die Entdeckung der Ägyptischen Schlitznase auf Pantelleria wirft nun Fragen zum Artenschutz auf. Russo erklärt: „Obwohl Nycteris thebaica auf Pantelleria lange unbemerkt blieb, müssen wir nun die Größe dieser Population bestimmen, ihre Lebensräume untersuchen und klären, wie sie geschützt werden kann.“ Zukünftige Forschungsarbeiten werden sich darauf konzentrieren, die Quartiere der Fledermäuse zu identifizieren, die genetische Herkunft der Population zu bestätigen und potenzielle Bedrohungen, wie Waldbrände und Hauskatzen, zu untersuchen.

Diese bemerkenswerte Entdeckung zeigt, wie gezielte akustische Erfassungen dazu beitragen können, bisher unentdeckte Bestandteile regionaler Tierfaunen sichtbar zu machen. Die wissenschaftliche Gemeinschaft ist aufgerufen, die Methodik zur Erfassung leiser rufender Fledermausarten zu überdenken, um den Schutz und die Erhaltung dieser faszinierenden Tiere zu gewährleisten. Die Forschungsarbeiten wurden durch den Nationalpark Pantelleria sowie durch Stiftungen wie die Alexander-von-Humboldt-Stiftung und die Heidehof-Stiftung unterstützt, die sich der Erforschung der Interaktion zwischen Biodiversität und Landwirtschaft widmen.