
Junge Steinadler, die in den Alpen aufwachsen, durchlaufen in den ersten Lebensmonaten entscheidende Lernphasen, in denen sie ihre Flugfähigkeiten entwickeln und lernen, wie sie sich zwischen den Bergen orientieren. Diese Fähigkeiten sind für ihr Überleben von zentraler Bedeutung, jedoch zeigt eine aktuelle Studie, dass der Zeitpunkt, an dem die jungen Adler das elterliche Revier verlassen, nicht von ihrem Geschick beim Fliegen abhängt, sondern von ihren Erfahrungen und den Bedingungen, unter denen sie leben.
In einer umfassenden Untersuchung, die 92 Jungadler über einen Zeitraum von sechs Jahren mittels GPS-Technologie begleitete, stellte sich heraus, dass die Entscheidung, das elterliche Territorium hinter sich zu lassen, von der Distanz und Höhe ihrer alltäglichen Flüge beeinflusst wird, nicht jedoch von der Beherrschung der Flugtechnik selbst. Diese Erkenntnisse sind in der Fachzeitschrift „Royal Society Open Science“ veröffentlicht worden.
Traditionell glaubten Forscher, dass junge Adler das elterliche Revier verlassen, sobald sie ausreichend flugfähig sind, um ohne elterliche Unterstützung zu überleben. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen jedoch, dass viele Adler, die bereits einige Monate nach dem Flüggewerden in der Lage sind, anspruchsvolle Flugmanöver zu meistern, dennoch fast ein ganzes Jahr im Schutz des elterlichen Reviers verweilen. Dr. Hester Brønnvik, eine der Hauptautorinnen der Studie, erklärt: „Es ist offensichtlich, dass die Fähigkeit, auf eigenen Beinen zu stehen, und die Bereitschaft, diesen Schritt zu wagen, zwei verschiedene Dinge sind.“
Die Forschungsteams, die an dieser Studie beteiligt waren, verfolgten die Bewegungen der Adler ab einem Alter von 50 Tagen, kurz bevor sie das Nest verließen. Diese Beobachtungen zeigten, dass viele Adler innerhalb von drei Monaten nach der Besenderung erste Erkundungsflüge unternahmen und dabei Strecken von bis zu 77 Kilometern zurücklegten. Trotz dieser beeindruckenden Flüge zogen es viele vor, in der Nähe ihrer Eltern zu bleiben, oft bis nach dem Winter.
Die GPS-Daten ermöglichten es den Wissenschaftlern, präzise zu analysieren, wie die Adler flogen: wie schnell sie Auftrieb gewannen, wie sie sich in der Thermik bewegten und wie sie auf wechselnde Winde reagierten. Überraschenderweise war jedoch keine dieser Fähigkeiten ein verlässlicher Indikator dafür, wann die Adler ihre ersten langen Flüge unternahmen oder wann sie ihr elterliches Revier endgültig verließen. Stattdessen war es entscheidend, wie weit sie sich bei ihren täglichen Ausflügen von ihrem Nest entfernten und wie hoch sie flogen.
Junge Adler, die größere Distanzen und Höhen erreichten, waren mit größerer Wahrscheinlichkeit die ersten, die das elterliche Revier verließen. Diese täglichen Bewegungen spiegeln nicht nur fliegerische Fähigkeiten wider, sondern auch die Motivation, den Wettbewerb um Ressourcen und die Wetterbedingungen. Dr. Elham Nourani, eine der Co-Autorinnen der Studie, betont, dass die Entscheidung, das Elternhaus zu verlassen, von einer Vielzahl von Faktoren abhängt, die über die reine Fliegerei hinausgehen.
Ein weiterer interessanter Aspekt dieser Studie ist die besondere Situation der untersuchten Alpenpopulation von Steinadlern. In dieser Region sind die Lebensräume stark besetzt, was bedeutet, dass kaum freie Territorien für die jungen Adler zur Verfügung stehen. Dies könnte erklären, warum viele von ihnen zögern, das elterliche Revier zu verlassen, auch wenn sie bereits über die notwendigen Fähigkeiten verfügen. Es ist vorteilhaft für sie, im geschützten Raum ihrer Eltern zu bleiben, um wertvolle Erfahrungen zu sammeln, bevor sie sich in eine potenziell feindliche Umgebung begeben.
Die Ergebnisse dieser Studie könnten auch für andere Vogelarten oder sogar für Säugetiere von Bedeutung sein. Ähnliche Verhaltensmuster wurden bei anderen Tierarten beobachtet, bei denen die Entwicklung von Fähigkeiten nicht notwendigerweise mit dem Verlassen des Elternhauses synchronisiert ist. Dr. Kamran Safi, ein Hauptautor der Studie, hebt hervor, dass die Entscheidung, das Zuhause zu verlassen, nicht nur an den erlernten Fähigkeiten gemessen werden kann, sondern auch von der sozialen und ökologischen Umgebung abhängt, in der das Tier lebt.
Insgesamt zeigt diese Forschung, wie komplex die Entscheidungsfindung bei Tieren ist, insbesondere in Bezug auf ihre Unabhängigkeit. Die Erkenntnisse könnten nicht nur das Verständnis für das Verhalten von Steinadlern vertiefen, sondern auch neue Perspektiven auf die Lebensstrategien anderer Tiere eröff


















































