
Die Ostalpen sind ein faszinierendes Beispiel für die dynamischen Prozesse der Erdkruste, die auch in der heutigen Zeit noch aktiv sind. Wissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena haben gemeinsam mit internationalen Partnern aus mehreren Ländern eine umfassende Studie zur aktiven Tektonik in den Ost- und Südalpen durchgeführt. Diese Arbeit, veröffentlicht im Fachjournal „Tectonics“, bietet neue Einblicke in die langsamen, aber kontinuierlichen Verformungen, die in dieser geologisch aktiven Region stattfinden.
Die Alpen sind das Ergebnis komplexer geologischer Prozesse, die vor etwa 84 Millionen Jahren ihren Anfang nahmen. Damals begann die adriatische Platte, ein Teil der afrikanischen Kontinentalplatte, sich nach Norden zu bewegen und kollidierte mit der europäischen Platte. Diese Kollision führte dazu, dass ozeanische Kruste abtauchte und die kontinentale Kruste stark komprimiert wurde. Infolgedessen wurden große Mengen an Gestein an die Oberfläche gedrückt, was zur charakteristischen Gebirgsbildung der Alpen führte. Obwohl die Plattenbewegungen bis heute andauern, sind starke Erdbeben in dieser Region relativ selten, was Fragen zu den zugrunde liegenden geologischen Prozessen aufwarf.
Die Forscher haben festgestellt, dass die tiefen geologischen Vorgänge, die einst als Haupttreiber für die Verformung der Alpen galten, weniger Einfluss haben als vermutet. Durch moderne geowissenschaftliche Methoden konnten sie detaillierte Erkenntnisse über den Aufbau der Erdkruste und des Erdmantels in den Alpenregionen gewinnen. Dr. Christoph Grützner, einer der Hauptautoren der Studie, betont, dass es nun möglich ist, die Überreste abgesunkener Platten, auch als „slabs“ bekannt, unter den Alpen präziser zu lokalisieren. Dennoch bleibt unklar, inwiefern diese Strukturen die gegenwärtige Verformung beeinflussen.
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass die adriatische und die europäische Platte sich sehr langsam aufeinander zubewegen. Diese langsamen Bewegungen machen es schwierig, eindeutige Beweise für aktive Tektonik im Gelände zu finden. Oftmals werden die Spuren tektonischer Aktivitäten durch andere natürliche Prozesse wie Erosion oder Vergletscherung überdeckt. Das Forschungsteam hat die Daten aus zahlreichen Studien der letzten Jahrzehnte analysiert und verschiedene geowissenschaftliche Ansätze kombiniert, darunter Seismologie, Geodäsie und historische Erdbebenaufzeichnungen.
Die Ergebnisse zeigen, dass es in den Ost- und Südalpen mehrere Zonen gibt, in denen die Verformung besonders stark ausgeprägt ist. Ein bedeutendes Erdbeben ereignete sich beispielsweise 1976 in Friaul, einer Region an der Grenze zu Slowenien, die weiterhin von erhöhter tektonischer Aktivität betroffen ist. Hier werden Bewegungen von etwa 1,5 Millimetern pro Jahr beobachtet. In anderen Teilen der Ostalpen, insbesondere im zentralen Gebiet, findet eine langsame Verlagerung des Gesteins nach Osten statt, mit Geschwindigkeiten von etwa 0,5 bis 1,0 Millimetern pro Jahr. Diese Prozesse sind über Millionen von Jahren entstanden, haben sich jedoch in der jüngeren Vergangenheit verlangsamt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Studie ist der Einfluss des isostatischen Ausgleichs, der durch das Schmelzen der Gletscher nach der letzten Eiszeit hervorgerufen wurde. Dieser Prozess führt dazu, dass die Erdkruste allmählich ansteigt, da das Gewicht der geschmolzenen Gletscher nicht mehr auf ihr lastet. Diese Hebung korreliert deutlich mit den Gebieten, die zuvor von Gletschern bedeckt waren, und zeigt, dass die gegenwärtige Deformation nicht ausschließlich aus tiefen geologischen Prozessen resultiert.
Zusammenfassend betont die Studie die Notwendigkeit, verschiedene geowissenschaftliche Daten und Methoden zu kombinieren, um die langsamen tektonischen Prozesse der Alpen besser zu verstehen. Die Ergebnisse bieten nicht nur einen tieferen Einblick in die Entstehung und Entwicklung der Alpen, sondern helfen auch, die Risiken von Naturgefahren wie Erdbeben realistischer einzuschätzen. Das Verständnis dieser Prozesse ist entscheidend für die Vorbereitung und den Schutz der Menschen, die in diesen geologisch aktiven Regionen leben.


















































