Wissenslücken an Antarktischen Küsten erschweren Prognosen zum Meeresspiegelanstieg**

Wissenslücken an Antarktischen Küsten erschweren Prognosen zum Meeresspiegelanstieg**

Eine internationale wissenschaftliche Studie hat auf signifikante Wissenslücken hinsichtlich der Prozesse an den Küsten der Antarktis hingewiesen. Diese Küstenregion, wo der antarktische Eisschild mit dem Südpolarmeer interagiert, stellt sich als eines der größten Herausforderungen für die zuverlässige Vorhersage des globalen Meeresspiegelanstiegs heraus. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Reviews of Geophysics veröffentlicht und zeigen, dass unzureichende Daten über die Küstenbedingungen die Fähigkeit der Wissenschaftler einschränken, den zukünftigen Zustand des antarktischen Eisschildes und dessen Einfluss auf den Meeresspiegel genau einzuschätzen.

Die antarktische Küstenzone ist ein komplexes System, in dem das Eis des Eisschildes sowohl auf dem Meeresboden ruht als auch als schwimmendes Schelfeis vorzufinden ist. In dieser Zone findet ein ständiger Austausch von Masse, Wärme und Nährstoffen zwischen dem Eis, dem Ozean, der Atmosphäre und der darunterliegenden Erde statt. Bereits geringfügige Änderungen in diesem System können erhebliche Folgen für das globale Klima haben. Trotz ihrer Bedeutung sind die Daten über die Topografie des Küstenuntergrunds und die Hohlräume unter dem Schelfeis nach wie vor unzureichend, was die Prognosen über den zukünftigen Eisverlust und den damit verbundenen Meeresspiegelanstieg erschwert.

An der Studie waren über 80 Wissenschaftler aus 16 Ländern beteiligt, darunter Forscher des Alfred-Wegener-Instituts, des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung und verschiedener Universitäten. Diese internationale Zusammenarbeit wurde durch die RINGS-Aktionsgruppe des Wissenschaftlichen Ausschusses für Antarktisforschung (SCAR) koordiniert, die auch die Unterstützung des Rates der nationalen Antarktisprogramme (COMNAP) erhielt. Die Veröffentlichung bietet eine umfassende Zusammenfassung des aktuellen Wissensstands und der bestehenden Wissenslücken in Bezug auf die Interaktion zwischen dem antarktischen Eisschild, dem Ozean, der Atmosphäre und der festen Erde.

Die Hauptproblematik liegt darin, dass es an direkten Beobachtungsdaten mangelt, die für die genaue Vorhersage des Eisschildverhaltens und dessen Auswirkungen auf den Meeresspiegel unerlässlich sind. Satellitendaten liefern zwar wertvolle Informationen über die Bewegungen des Eises und Veränderungen an der Oberfläche, können jedoch die Struktur des Untergrunds unter dem Eis nicht adäquat erfassen. Dr. Kenichi Matsuoka, Erstautor der Studie, betont, dass die Kombination aus Satellitendaten und Bodenbeobachtungen notwendig ist, um zuverlässige Vorhersagen über den Eisverlust zu treffen.

Die aktuelle Datenlage ist besonders unzureichend, wenn es um die Topografie des Küstenuntergrunds geht, die für die Modellierung des Eisschildverhaltens von entscheidender Bedeutung ist. Ohne genaue Informationen über die Beschaffenheit des Untergrunds können selbst die fortschrittlichsten Modelle irreführende Ergebnisse liefern. Professor Olaf Eisen vom AWI erklärt, dass trotz der Fortschritte in der Erhebung von Daten über die Eisdicke und die Hohlräume unter dem Schelfeis, die derzeitigen Beobachtungen nicht ausreichen, um die komplexen Prozesse an der Küste zu verstehen.

Die Autoren der Studie fordern eine internationale Zusammenarbeit und koordinierte Messprogramme, um die Datenlücken zu schließen. Unkoordinierte Erhebungen können dazu führen, dass wichtige Informationen verloren gehen oder Doppelarbeit geleistet wird. Die Veröffentlichung legt einen evidenzbasierten Rahmen vor, um die Aktivitäten der RINGS-Initiative zu unterstützen und die Erstellung eines umfassenderen Datensatzes für zukünftige Meeresspiegelprognosen zu fördern.

Mitautoren der Studie betonen die Notwendigkeit, innovative Technologien wie autonome Plattformen zu nutzen, um auch in schwer zugänglichen Regionen der Antarktis, insbesondere unter dem Schelfeis, Daten zu sammeln. Dies könnte insbesondere während der langen Antarktis-Wintermonate von Bedeutung sein, wenn herkömmliche Erhebungsmethoden oft nicht anwendbar sind.

Zusammengefasst hebt die Studie hervor, dass eine verbesserte Datenlage über die antarktische Küstenzone entscheidend ist, um die zukünftigen Veränderungen des Eisschildes und deren Auswirkungen auf den globalen Meeresspiegel besser vorhersagen zu können. Die internationale wissenschaftliche Gemeinschaft ist gefordert, ihre Anstrengungen zu bündeln, um die notwendigen Daten zu erheben und somit einen wichtigen Beitrag zur Klimaforschung zu leisten.