
Ein internationales Forschungsteam, an dem auch der renommierte Senckenberg-Forscher Prof. Dr. Andreas Mulch beteiligt ist, hat die faszinierende Biodiversität im Osten Tibets untersucht. Die Ergebnisse dieser Studie belegen, dass bereits vor 39 Millionen Jahren eine artenreiche Gemeinschaft von Säugetieren in Höhenlagen von etwa 3.400 Metern existierte. Diese Entdeckung ist von großer Bedeutung, da sie die älteste direkt datierte Säugetierfauna aus der Känozoischen Ära auf dem Tibetischen Plateau darstellt.
Die Forschung zeigt, dass die Gebirgsbildung und die damit verbundenen klimatischen Veränderungen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Biodiversität in dieser Region spielten. Gebirgige Landschaften gehören zu den artenreichsten Lebensräumen auf unserem Planeten. Hier treffen verschiedene klimatische Bedingungen aufeinander, die von tiefen Tälern bis zu hohen Gipfeln reichen. Diese Vielfalt schafft zahlreiche ökologische Nischen, die es verschiedenen Arten ermöglichen, sich anzupassen und zu entwickeln.
Ein herausragendes Beispiel für diese Biodiversität sind die Hengduan-Berge im Osten Tibets. Diese Region zeichnet sich durch eine beeindruckende Topographie mit hohen Gipfeln und tiefen Tälern aus und erstreckt sich über verschiedene Klimazonen, von subtropisch bis alpin. Heute gilt dieser Bereich als einer der bedeutendsten Biodiversitäts-Hotspots der Erde, der eine Vielzahl von endemischen Arten beherbergt. Prof. Dr. Mulch, Direktor am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum in Frankfurt, hebt hervor, dass die Analyse von Pflanzenfossilien aus den Hengduan-Bergen wertvolle Erkenntnisse über die frühere Biodiversität, die Höhenlage und das damalige Klima liefert.
In der aktuellen Studie haben die Forscher mithilfe von Datierungen von Mineralablagerungen in fossilen Säugetierknochen und Paläoböden sowie durch Höhenrekonstruktionen auf Basis stabiler Isotope aus dem Zahnschmelz von Pflanzenfressern und Bodenkarbonaten herausgefunden, dass im Osten Tibets bereits vor 39 Millionen Jahren umfangreiche Hochgebirgslandschaften existierten, die von einer Vielzahl von Säugetieren bewohnt waren. Dr. Songlin He, ein Wissenschaftler am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt sowie am Institute for Tibetan Plateau Research in Peking, betont, dass die Fossilien, die sie untersuchten, die älteste direkt datierte Säugetierfauna des Tibetischen Plateaus darstellen.
Die Entstehung des Himalayas und die damit einhergehende klimatische Umwälzung haben sich als Schlüsselfaktoren für die Entwicklung der Biodiversität in Tibet herausgestellt. Während des Eozäns, einer Periode vor etwa 56 bis 34 Millionen Jahren, hob sich der Osten Tibets zunehmend an, was zu einer Veränderung des Klimas führte. Die Region erlebte ausgeprägte jahreszeitliche Niederschläge, die jedoch nicht mit dem heutigen asiatischen Monsun gleichzusetzen sind. Diese Niederschlagsmuster waren jedoch entscheidend für die Umweltbedingungen im Hochland.
Ein zentrales Indiz für die klimatischen Veränderungen stellt die Untersuchung von sogenannten „falschen Jahresringen“ dar, die in einem 41,5 Millionen Jahre alten fossilen Holz entdeckt wurden. Diese Ringe entstehen, wenn das Pflanzenwachstum im Sommer unter Trockenstress leidet – ein Phänomen, das typischerweise in einem mediterranen Klima auftritt. Solche Bedingungen schufen eine günstige Umwelt für die Entwicklung einer artenreichen Flora und Fauna in den Hochgebirgen.
Die neuen Erkenntnisse bieten nicht nur einen zeitlichen Bezugspunkt für die frühe Entwicklung der Biodiversität in Hochgebirgen, sondern verdeutlichen auch die enge Wechselwirkung zwischen Gebirgsbildung, klimatischen Veränderungen, der Entstehung neuer Ökosysteme und der langfristigen Entwicklung der Artenvielfalt. Die Forschung zeigt, dass die Geschichte der Biodiversität im tibetischen Hochland weiter zurückreicht als bisher angenommen und dass der Osten Tibets eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Hochgebirgsbiodiversität in Asien spielte.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die neue Studie die bedeutende Rolle des tibetischen Hochlands in der Evolution der Biodiversität unterstreicht und gleichzeitig aufzeigt, wie wichtig Paläoklimarekonstruktionen für das Verständnis der klimatischen Systeme unserer Erde sind.


















































