
Im Juli 2021 erlebten Deutschland und Belgien eine der verheerendsten Hochwasserkatastrophen der letzten Jahrzehnte. Über 200 Menschen verloren ihr Leben, und die Tragödie macht deutlich, dass es dringenden Handlungsbedarf im Bereich der Gefahrenbewertung und Risikokommunikation gibt. Eine Untersuchung von Wissenschaftlern der Universität Potsdam, des Helmholtz-Zentrums für Geoforschung, der University of Louvain und der Johns Hopkins University hat die Umstände von 224 Todesfällen analysiert, die während dieser Naturkatastrophe auftraten. Die Ergebnisse zeigen, dass viele der betroffenen Personen nicht in den offiziellen Hochwassergefahrenzonen lebten und vor allem ältere Menschen betroffen waren.
Die verheerenden Überschwemmungen wurden durch starke Niederschläge ausgelöst, die mit dem Tiefdruckgebiet „Bernd“ in Verbindung standen. Besonders betroffen waren die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sowie die belgische Region Wallonien. Die Untersuchung ergab, dass in Nordrhein-Westfalen 50 Prozent und in Rheinland-Pfalz sogar 75 Prozent der Todesfälle außerhalb der als risikobehaftet gekennzeichneten Hochwasserzonen stattfanden. Dies wirft ernsthafte Fragen zur Aussagekraft der bestehenden Gefahrenkarten auf. Laut der leitenden Autorin der Studie, Prof. Annegret Thieken von der Universität Potsdam, sind die aktuellen Hochwassergefahrenkarten unzureichend, um die Öffentlichkeit angemessen über die Risiken aufzuklären. Sie empfiehlt, historische Hochwasserereignisse zu berücksichtigen und Worst-Case-Szenarien in die Kartenintegration aufzunehmen.
Ein besorgniserregender Aspekt der Studie ist die Tatsache, dass 14 Menschen in Nordrhein-Westfalen ums Leben kamen, während sie versuchten, in ihren Kellern Schäden zu begrenzen oder Aufräumarbeiten durchzuführen. Dies zeigt, dass die öffentliche Kommunikation über Verhaltensregeln in Hochwasserfällen unzureichend ist. Ebenso starben 81 Personen in ihren Wohnhäusern, oft überrascht von den plötzlich ansteigenden Wassermassen. Viele dieser Gebäude hätten rechtzeitig evakuiert werden müssen, da der Aufenthalt in überfluteten Gebieten äußerst gefährlich ist. Die Analyse der Todesfälle in Verbindung mit überfluteten Brücken und Fahrzeugen verdeutlicht die Notwendigkeit einer klareren Kommunikation in Krisensituationen.
Die Forscher empfehlen, in der Risiko- und Krisenkommunikation zwischen Maßnahmen zur Schadensminimierung und lebensrettenden Verhaltensweisen zu differenzieren. Warnmeldungen sollten präzise formuliert werden und deutlich kommunizieren, wann eine Evakuierung noch möglich ist und wann dies nicht mehr ratsam ist. In den Fällen, in denen eine Flucht nicht mehr möglich ist, sollte empfohlen werden, sich in höhere Stockwerke zurückzuziehen, um sich in Sicherheit zu bringen.
Ein weiterer zentraler Punkt der Studie ist die unzureichende Berücksichtigung schutzbedürftiger Gruppen. Unter den Hochwasseropfern waren 72 Prozent über 60 Jahre alt. In Rheinland-Pfalz gab es tragische Vorfälle, bei denen Menschen in einem überfluteten Wohnheim für Erwachsene mit geistiger Behinderung starben. Diese Umstände verdeutlichen, dass Evakuierungsstrategien für ältere Menschen und Personen mit Mobilitätseinschränkungen dringend verbessert werden müssen.
Die Forscher fordern daher eine Überarbeitung der Europäischen Hochwassermanagementrichtlinie, um die Berücksichtigung von Worst-Case-Szenarien in der Gefahrenkartierung und Kommunikation zu gewährleisten. Dies könnte dazu beitragen, die Anzahl der Todesfälle und Verletzungen in zukünftigen Hochwasserereignissen erheblich zu reduzieren. Die tragischen Ereignisse von 2021 sollten als Weckruf für alle Akteure im Risikomanagement dienen, um die Sicherheitsvorkehrungen und die Kommunikation in Krisensituationen grundlegend zu überdenken und zu verbessern. Nur durch eine umfassende Anpassung an die Herausforderungen des Klimawandels und der Naturkatastrophen können wir zukünftig Leben retten und das Risiko von Hochwasserschäden minimieren.


















































