
Ein internationales Team von Wissenschaftlern hat historische Fossilsammlungen aus dem Libanon mithilfe moderner wissenschaftlicher Techniken neu untersucht und dabei faszinierende Erkenntnisse über die Klima- und Landschaftsgeschichte der Region gewonnen. Diese Forschung liefert wertvolle Einblicke in die Umweltbedingungen und Lebensweisen der Menschen vor bis zu 400.000 Jahren, einer Zeit, die durch bedeutende ökologische Veränderungen und die Migration verschiedener Tierarten sowie Menschen geprägt war.
Die Levante, ein Gebiet im östlichen Mittelmeer, hat sich über Jahrtausende als zentraler Korridor zwischen den Kontinenten Europa, Asien und Afrika etabliert. Diese Region war ein Ort des kulturellen Austauschs und der Migration. Dr. Gabriele Russo, ein Forscher aus der Paläoanthropologie-Gruppe am Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment in Tübingen, hebt hervor, dass die Forschung in diesem Gebiet aufgrund politischer Instabilität oft eingeschränkt war. Historische Sammlungen, die in früheren Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten angelegt wurden, bieten jedoch wertvolle Informationen und können neue wissenschaftliche Fragestellungen beantworten.
Die neue Studie, an der auch die Paläoanthropologin apl. Prof. Dr. Sireen El Zaatari beteiligt war, hat die Annahme in Frage gestellt, dass die Umweltbedingungen im zentralen und nördlichen Libanon den gut erforschten südlichen Gebieten ähneln. Die Forscher konnten bedeutende Funde aus den Regionen Ras el-Kelb und Nahr Ibrahim datieren, die auf ein Alter von etwa 400.000 und 250.000 Jahren zurückgehen. Diese Entdeckungen eröffnen einen einzigartigen Einblick in die Lebensweise der Menschen im späten Altpaläolithikum und während des Übergangs zum Mittelpaläolithikum.
Um die umfangreiche Datenbasis zu analysieren, kombinierte das Forschungsteam verschiedene archäozoologische Methoden mit der Untersuchung von Zahnabrieb und stabilen Isotopen. Diese modernisierten Techniken ermöglichten es, die Lebensweise der frühen Menschen zu rekonstruieren. An mehreren Fundstellen wurden Spuren gefunden, die auf die Bearbeitung von erlegtem Wild hinweisen, einschließlich Hautabziehen, Zerlegen und der Gewinnung von Nahrungsressourcen. Die Analyse ergab, dass die frühen Menschen im Libanon vor allem Großwild jagten, darunter Auerochsen, Rothirsche und Wildziegen.
Ein bemerkenswerter Aspekt der Studie ist der hohe Anteil an Nashornresten, die in der Höhle von Ras el-Kelb dokumentiert wurden. Diese Entdeckung legt nahe, dass Nashörner in der von Flussmündungen geprägten Landschaft während des Paläolithikums regelmäßig vorkamen und nicht nur durch selektive Sammlungen von Fossilien in der Vergangenheit erklärt werden können. Die Forscher fanden zudem Hinweise auf eine gut entwickelte mediterrane Vegetation, die Tannen, Birken und andere Baumarten umfasste, was zu einem vielfältigen und produktiven Lebensraum führte.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Umweltbedingungen im heutigen Libanon durch eine Vielzahl von Lebensräumen geprägt waren, die reich an Ressourcen waren. Diese Vielfalt beeinflusste die Lebensweise der frühen Menschen, die sich an die saisonalen Veränderungen der Landschaft anpassten. Die Isotopenanalysen deuten darauf hin, dass das Klima über lange Zeiträume hinweg relativ stabil und warm war, was zusammen mit der dichten Bewaldung der Region dazu beitrug, dass die Mittelmeerküste ein ökologisches Refugium für Menschen und Tiere darstellte.
Die Studie hebt die Bedeutung historischer Sammlungen hervor, die wichtige Informationen über vergangene Lebensräume und menschliches Verhalten bewahren können. Dr. Russo betont, dass solche Sammlungen unter Bedingungen entstanden sind, die sich nicht wiederholen lassen, und daher eine wertvolle wissenschaftliche Ressource darstellen. Zukünftige Forschungen werden darauf abzielen, die Umweltbedingungen weiter zu verfeinern und die Anpassungsstrategien der frühen Menschen sowie deren Interaktionen mit der Landschaft zu untersuchen.
Die Forschungsarbeit ist Teil des REVIVE-Projekts, das durch einen Consolidator Grant des European Research Council gefördert wird und in enger Zusammenarbeit mit der libanesischen Generaldirektion für Altertümer durchgeführt wird. Das Ziel ist es, ein umfassenderes Verständnis der ökologischen Geschichte und der menschlichen Evolution in dieser bedeutenden Region des östlichen Mittelmeerraums zu entwickeln.


















































