
Im Herbst 2025 wurde das letzte Gehöft des traditionsreichen Lausitzer Heidedorfes Mühlrose abgerissen, was das Ende einer über 600-jährigen Geschichte markiert. Mühlrose gehört zu den Dörfern, die seit 1924 im Zuge des Braunkohletagebaus in der Lausitz vollständig zerstört wurden. Insgesamt mussten in den letzten 100 Jahren etwa 30.000 Menschen, viele von ihnen sorbischer oder wendischer Herkunft, ihre Heimat verlassen und einen neuen Wohnort finden. Diese Entwicklungen haben nicht nur zu einem Verlust an Wohnraum geführt, sondern auch tiefgreifende Auswirkungen auf Sprache und Kultur der autochthonen Gemeinschaften gehabt.
Die aktuelle Situation wird im Buch „Verschwundene Dörfer im Lausitzer Braunkohlenrevier“ von Frank Förster beleuchtet, das kürzlich in einer vierten, aktualisierten Auflage erschienen ist. Die Buchpremiere findet am 29. September 2026 im Sorbischen Kulturzentrum Schleife statt. Försters Werk gilt als ein wichtiger Beitrag zur sorbischen Wissenschaft und dokumentiert die dramatischen Veränderungen, die sich in der Region vollzogen haben.
Die erste Auflage von „Verschwundene Dörfer“ erschien 1995 und stellte eine Pionierarbeit dar, da sie erstmals eine umfassende Bilanz der verlorenen Ortschaften seit 1924 präsentierte. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Thema in der DDR weitgehend tabuisiert und in den Medien oft beschönigt worden. Die erste und zweite Auflage des Buches waren schnell vergriffen, was für den großen Bedarf an Informationen über die Auswirkungen des Bergbaus auf die sorbische Kultur und Gesellschaft spricht.
Im Jahr 2014 wurde das Buch durch den Sorabisten Robert Lorenz neu aufgelegt, um auch die Entwicklungen nach der Wiedervereinigung Deutschlands zu berücksichtigen. Zu den bekanntesten Fällen von Ortsabrissen gehört das Dorf Horno, welches symbolisch für den Verlust der sorbischen Identität steht. Die jüngste vierte Auflage, die 2025 von Robert Lorenz herausgegeben wurde, enthält nun auch das Schicksal von Mühlrose und markiert einen historischen Endpunkt: Genau einhundert Jahre nach dem ersten Abriss in Neu-Laubusch ist eine Ära des Verlustes zu Ende gegangen.
Die Studie von Förster und die damit verbundenen Veröffentlichungen werfen ein Licht auf die tiefgreifenden kulturellen und sozialen Veränderungen, die durch den Bergbau in der Lausitz verursacht wurden. Laut Dr. Robert Lorenz, dem Herausgeber der neuesten Auflage, verdeutlicht das Buch die enormen Kosten, die die Lausitz als Teil der Industriegesellschaft im 20. und frühen 21. Jahrhundert zu tragen hatte. Es wird deutlich, dass der Verlust von Dörfern nicht nur physische Zerstörung bedeutet, sondern auch einen Verlust an Identität, Traditionen und Gemeinschaft.
Die Auswirkungen auf die sorbische Sprache und Kultur sind besonders gravierend. Eine Sprachkarte aus dem Jahr 1900 zeigt, dass ein Drittel des damaligen sorbischen Sprachgebietes durch die Tagebaue zerstört wurde. Dies hat nicht nur zur Verdrängung von Menschen geführt, sondern auch zur Erosion der sorbischen Identität und Kultur, die über Jahrhunderte gewachsen ist.
Die bevorstehende Buchvorstellung am 29. September 2026 im Sorbischen Kulturzentrum Schleife wird von Dr. Robert Lorenz geleitet. Hier wird die Gelegenheit bestehen, tiefer in die Thematik einzutauchen und die umfassende Bilanz der Ortsverluste und deren kulturellen Auswirkungen zu diskutieren. Interessierte können Rezensionsexemplare beim Domowina-Verlag anfordern, um sich eingehender mit den Inhalten des Buches zu beschäftigen.
Insgesamt zeigt sich, dass die Geschichte der verschwundenen Dörfer im Lausitzer Braunkohlenrevier ein Mahnmal für die Herausforderungen darstellt, denen sich die sorbische Gemeinschaft gegenübersieht. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema ist nicht nur für die betroffenen Menschen von Bedeutung, sondern auch für alle, die sich für die Bewahrung von Kultur und Identität in Zeiten des Wandels einsetzen.


















































