
Eine internationale Studie, an der auch die Universität Trier beteiligt ist, hat die Sierra Nevada de Santa Marta in Kolumbien als einen bedeutenden Rückzugsort für Amphibien identifiziert. Diese Region, die sich im Norden Kolumbiens befindet, zeichnet sich durch eine außergewöhnlich artenreiche Amphibiengemeinschaft aus. Bisher scheint diese Gemeinschaft von den verheerenden Auswirkungen des Amphibien-Chytridpilzes, einer der Hauptursachen für den Rückgang und das Aussterben vieler Amphibienarten, verschont geblieben zu sein. Dennoch zeigt die Forschung, dass der Erreger in der Nähe vorkommt und eine Einschleppung gravierende Folgen für die dort heimischen Arten haben könnte.
Der Chytridpilz Batrachochytrium dendrobatidis, oft als Bd abgekürzt, hat seit den 1980er-Jahren weltweit zu dramatischen Bestandsrückgängen bei Amphibien geführt und ist für das Aussterben vieler Arten verantwortlich. Besonders betroffen sind die Gebirgsregionen Mittel- und Südamerikas. Die Sierra Nevada de Santa Marta stellt jedoch eine bemerkenswerte Ausnahme dar; in diesem isolierten Gebirgsmassiv leben mindestens 48 Amphibienarten, von denen 25 exklusiv dort vorkommen.
Im Rahmen ihrer mehrjährigen Forschung haben Wissenschaftler über 2.000 Proben von Amphibien sowie Umwelt-DNA aus Gewässern der Region untersucht. An keinem der 34 untersuchten Standorte in der Sierra Nevada de Santa Marta und den angrenzenden Tiefländern konnte der Chytridpilz nachgewiesen werden. Auch genetische Analysen einer endemischen Harlekin-Kröte zeigten keine Hinweise auf frühere, möglicherweise durch den Pilz verursachte, Rückgänge ihrer Population. Allerdings fanden die Forscher in nur 20 Kilometer Entfernung, in den nördlichsten Ausläufern der Anden, eine besonders aggressive Variante des Chytridpilzes.
Klimamodelle deuten darauf hin, dass große Teile der Sierra Nevada de Santa Marta für den Chytridpilz und die durch ihn hervorgerufenen Rückgänge bei Amphibien prädestiniert sind. Die heißen und trockenen Tiefländer rund um das Gebirge scheinen jedoch als natürliche Barriere gegen eine Einschleppung zu wirken. Um die Risiken zu verdeutlichen, führten die Forscher Infektionsversuche mit drei Amphibienarten durch, die ausschließlich in der Sierra Nevada vorkommen. Während eine Harlekin-Kröte relativ tolerant reagierte, zeigte der Frosch Cryptobatrachus boulengeri eine hohe Anfälligkeit.
Die Forschungsergebnisse unterstreichen die Dringlichkeit von Schutzmaßnahmen. Prof. Dr. Stefan Lötters von der Universität Trier sagt dazu: „Wir haben die einmalige Gelegenheit, eine extrem vielfältige Amphibiengemeinschaft möglicherweise noch zu schützen, bevor eine katastrophale Epidemie ausbricht.“ Daher sei es entscheidend, die Einschleppung des Erregers durch Menschen, Tiere oder kontaminierte Materialien in diese Region zu verhindern. Die Forscher fordern daher strenge Biosicherheitsmaßnahmen, wie die Desinfektion von Schuhen, Fahrzeugreifen und Ausrüstungen, bevor man die Region betritt.
Zusätzlich müssen eine kontinuierliche Überwachung des Erregers und der Amphibienpopulationen sowie der frühzeitige Aufbau von Schutz- und Erhaltungsprogrammen für besonders gefährdete Arten initiiert werden. Denn sobald sich hochvirulente Stämme des Chytridpilzes in natürlichen Ökosystemen etablieren, sind diese kaum noch zu bekämpfen. Die „Fundación Atelopus“, ein lokaler Projektpartner, arbeitet bereits an der Umsetzung dieser Maßnahmen in Zusammenarbeit mit örtlichen Behörden und Naturschutzorganisationen.
Die Ergebnisse dieser Studie sind nicht nur ein Weckruf für den Erhalt der Artenvielfalt in der Sierra Nevada de Santa Marta, sondern auch für den Schutz globaler Biodiversität. Der Erhalt dieser einzigartigen Amphibiengemeinschaft ist ein entscheidender Schritt im Kampf gegen das Aussterben von Arten und die Erhaltung der biologischen Vielfalt in einer von menschlichem Einfluss geprägten Welt.


















































