
In einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachjournal Geophysical Journal International beleuchtet Prof. Marco Bohnhoff vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung die Notwendigkeit, die Erdbebengefährdung in Istanbul neu zu bewerten. Er weist darauf hin, dass es unabdingbar ist, komplexere Erdbebenszenarien zu berücksichtigen, die potenziell zu höheren maximalen Magnituden führen könnten, als dies bislang der Fall war. Insbesondere fordert er eine verbesserte seismische Überwachungstechnik, die direkt an und in der Verwerfung unter dem Marmara-Meer installiert werden sollte.
Das höchste Risiko für Erdbeben in ganz Europa geht von der Marmara-Verwerfung aus, die sich direkt südlich von Istanbul erstreckt. Bisher basierte die Einschätzung der Erdbebengefahr auf der Annahme, dass es sich um eine durchgehende Hauptverwerfung handelt. Jüngste Erkenntnisse zeigen jedoch, dass diese Annahme zu simpel ist. Stattdessen handelt es sich um ein komplexes Netzwerk von Haupt- und Nebenverwerfungen, die miteinander interagieren und unterschiedliche Eigenschaften aufweisen. Diese neuen Erkenntnisse legen nahe, dass die Gefahr eines Erdbebens mit einer Magnitude von 7,6 bestehen könnte, was die doppelte Energiemenge im Vergleich zu den bisherigen Schätzungen von 7,2 bis 7,4 freisetzen würde.
Die Marmara-Verwerfung ist Teil der tektonischen Grenze, an der die Eurasische und die Anatolische Platte aufeinandertreffen. Die Reibung zwischen diesen Platten führt in unregelmäßigen Abständen zu Erdbeben, die teils von extrem starker Intensität sind. Entgegen der bisherigen Annahmen ist die Marmara-Verwerfung jedoch nicht als eine einzige durchgehende Struktur zu verstehen. Vielmehr besteht sie aus einem komplexen Netzwerk von Störungen, die stark variieren. Diese Erkenntnisse basieren auf geologischen, geophysikalischen und geodätischen Studien, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden.
Ein wesentliches Problem bei der Bewertung dieser Gefährdung ist die Tatsache, dass die Verwerfung unter Wasser liegt und somit schwer zu überwachen ist. Die Störungen unter dem Marmara-Meer zeigen Ähnlichkeiten mit der San Andreas-Verwerfung in Kalifornien, wo die Strukturen an der Oberfläche beobachtbar sind. Diese Analogien können wertvolle Hinweise für die Modellierung von Erdbeben-Szenarien in der Region Istanbul liefern. Prof. Bohnhoff, der die Region seit vielen Jahren erforscht, betont, dass die Erkenntnisse aus Kalifornien helfen können, die seismischen Risiken für Istanbul besser einzuschätzen.
Die Neubewertung des Störungssystems hat direkte Konsequenzen für die Einschätzung der Erdbebengefährdung. Bohnhoff erklärt, dass auch wenn die Energie entlang der Hauptverwerfung derzeit das Potenzial für ein Beben der Magnitude 7,2 bis 7,4 aufweist, die Aktivierung von Nebenverwerfungen nicht ausgeschlossen werden kann. Diese könnten im Extremfall zu einem starken Erdstoß führen, der die gesamte Region betreffen würde. Historische Daten zeigen, dass es in den letzten 2300 Jahren in der Marmara-Region kein Erdbeben mit einer Magnitude über 7,4 gegeben hat, was jedoch nicht bedeutet, dass ein solches nicht in Zukunft auftreten könnte.
Ein Beispiel für die Unvorhersehbarkeit solcher Ereignisse ist das Tohoku-Oki-Erdbeben in Japan von 2011, das mit einer Magnitude von 9 einen verheerenden Tsunami auslöste. Ähnliche unerwartete Ereignisse könnten auch in anderen Regionen auftreten, wie das Kaikoura-Erdbeben in Neuseeland, bei dem mehrere Nebenverwerfungen aktiviert wurden und ein starkes Erdbeben der Magnitude 7,8 verursachten.
Die Komplexität des Störungssystems macht probabilistische Vorhersagen über zukünftige Erdbeben noch schwieriger. Prof. Bohnhoff hebt hervor, dass die Spannungen in den geologischen Störungen irgendwann zu einem Gesteinsversagen führen werden, was sowohl zu lokal begrenzten Erdbeben als auch zu einem großflächigen Ereignis führen könnte. Um die Risiken besser einschätzen zu können, fordert er eine verstärkte seismische Überwachung direkt in der Verwerfung, um Frühwarnsysteme zu verbessern und potenzielle Katastrophen für die Millionenstadt Istanbul zu verhindern.
Insgesamt verdeutlicht die Forschung von Prof. Bohnhoff die Dringlichkeit, die Erdbebengefährdung in


















































