
Die globale Klimapolitik steht vor enormen Herausforderungen, und die bevorstehende 31. Weltklimakonferenz (COP31) in der Türkei wirft viele Fragen auf. Prof. Stefan Aykut von der Universität Hamburg, der bereits an sieben COP-Konferenzen teilgenommen hat, betont, dass die Situation ernst ist. Nach dem Pariser Abkommen von 2015 wird zwar weiterhin über die Umsetzung von Klimazielen gesprochen, doch die Realität sieht anders aus: Die Klimapolitik stagniert, während die Welt weiterhin auf fossile Brennstoffe setzt.
Aykut hebt hervor, dass die Diskussionen während der Klimakonferenzen oft im Verhandlungsmodus stecken bleiben. Obwohl alle Beteiligten wissen, dass der Ausstieg aus fossilen Energien entscheidend für den Klimaschutz ist, sind konkrete Maßnahmen schwer zu erreichen. Die COPs, die als Plattformen für internationale Zusammenarbeit gedacht sind, werden durch das Konsensprinzip behindert. Länder, die stark von fossilen Brennstoffen abhängig sind, blockieren wichtige Beschlüsse, was die Effektivität der Konferenzen einschränkt. Aykut schlägt vor, dass kleinere Koalitionen gebildet werden sollten, um ambitioniertere Ziele zu verfolgen und die Glaubwürdigkeit der Konferenzen zu stärken.
Ein weiteres Problem ist die Glaubwürdigkeit der Gastgeberländer. Aykut kritisiert, dass viele COPs in Ländern stattfinden, die nicht die nötigen Standards in der Klimapolitik erfüllen. Dies könnte die Bereitschaft der Zivilgesellschaft einschränken, an den Konferenzen teilzunehmen und ihre Stimme zu erheben. In der Türkei, einem Land mit repressiven Tendenzen, wird es besonders schwierig sein, Proteste zu organisieren. Aykut befürchtet, dass die Regierung unter Präsident Erdoğan wenig Skrupel haben wird, um gegen Klimaschützer vorzugehen.
Die Türkei hat jedoch ein 10-Punkte-Programm vorgestellt, das unter anderem auf Elektrifizierung und Kreislaufwirtschaft setzt. Der Plan sieht vor, den Anteil des Stroms am weltweiten Energiemix von 20 auf 35 Prozent zu erhöhen. Ob dieser Strom jedoch aus erneuerbaren Energiequellen stammt, bleibt unklar. Aykut betont, dass die EU darauf drängen sollte, dass der zusätzliche Strom nachhaltig produziert wird.
Die Verantwortung für den Klimaschutz wird zunehmend an kleinere Initiativen und Abkommen delegiert, da die großen Akteure nicht bereit sind, die notwendigen Schritte zu unternehmen. Aykut beschreibt dies als eine Art Ablenkungsmanöver, bei dem neue Versprechungen gemacht werden, um den Eindruck von Fortschritt zu erwecken. Diese Narrativen werden oft verwendet, um den Druck auf die großen Unternehmen und Regierungen zu verringern, während die eigentlichen Veränderungen ausbleiben.
Besonders besorgniserregend ist die Beobachtung, dass viele der großen Unternehmen, die sich zu einer Reduzierung ihrer Emissionen verpflichtet haben, ihre Versprechen nicht einhalten. Beispiele wie Microsoft zeigen, dass die ehrgeizigen Ziele schnell in den Hintergrund geraten können, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sich ändern. Aykut kritisiert auch die EU, die in ihren Strategien die Erwartungen herunterschraubt, um die Menschen nicht zu demotivieren.
Aykut spricht von einer „Klimamutation“, einem Zustand, in dem die Gesellschaften nicht mehr in der Lage sind, vorausschauend zu handeln, um die Risiken des Klimawandels zu minimieren. Der Übergang zu emissionsarmen Gesellschaften, der einst als klarer Weg betrachtet wurde, ist in der gegenwärtigen geopolitischen und sozialen Unsicherheit nicht mehr realistisch. Die Transformation wird von Rückschlägen geprägt sein, und die Unsicherheiten sind enorm.
Um aus dieser Ohnmacht herauszukommen, betont Aykut die Notwendigkeit kollektiven Handelns. Er fordert dazu auf, Klimafragen lokal zu verankern und konkrete Maßnahmen in den eigenen Gemeinschaften zu ergreifen. Diese Ansätze können helfen, das Gefühl der Machtlosigkeit zu überwinden. Zudem sollten die Menschen in Entscheidungen über den Konsum und die Energieproduktion einbezogen werden. Aykut sieht die Notwendigkeit, eine demokratische Kontrolle über die Wirtschaft zu etablieren und einen sozial gerechten Klimaschutz zu fördern.
Letztlich ist es entscheidend, dass die Gesellschaften nicht nur über Klimaschutz reden, sondern aktiv an der Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft arbeiten. Nur durch eine umfassende und inklusive Herangehensweise kann der notwendige gesellschaftliche Umbau gelingen und das Vertrauen der Menschen in den Klimaschutz wiederhergestellt werden.


















































