Neue Erkenntnisse zur Rolle des Klimas in der frühen Landwirtschaft: Kälte hatte offenbar weniger E…

Die Entwicklung der Landwirtschaft und ihre Verbreitung nach Europa stellen einen der bedeutendsten Wendepunkte in der Menschheitsgeschichte dar. Insbesondere die Frage, warum die landwirtschaftliche Praxis in Südosteuropa für mehrere Jahrhunderte stagnierte, beschäftigt Wissenschaftler seit langem. Eine gängige Theorie besagt, dass kalte klimatische Bedingungen dazu führten, dass die frühen Landwirte nicht in der Lage waren, sich weiter auszubreiten. Eine aktuelle Untersuchung des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA), die in der renommierten Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht wurde, stellt diese Annahme jedoch in Frage.

Am archäologischen Standort Franchthi auf der griechischen Peloponnes wurden keine signifikanten Hinweise auf extreme Kälte gefunden, und die Studie zeigt, dass kein statistisch relevanter Zusammenhang zwischen klimatischen Schwankungen und der landwirtschaftlichen Praxis der damaligen Bevölkerung besteht. Dies wirft neue Fragen auf über die Faktoren, die die Ausbreitung der Landwirtschaft beeinflussten, und legt nahe, dass soziale, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte eine entscheidendere Rolle gespielt haben könnten.

Die Landwirtschaft erreichte Europa etwa 7.000 v. Chr. aus dem Vorderen Orient und breitete sich zunächst nur sehr langsam aus. Für einen Zeitraum von rund 600 Jahren, zwischen 6.600 und 6.000 v. Chr., blieb die Ausbreitung nahezu stehen. Die Forscher analysierten, warum sich die frühen Bauern in dieser Zeit kaum über Griechenland hinaus bewegten. Nach dieser Phase setzte jedoch eine rasante Expansion ein, die es bäuerlichen Gemeinschaften ermöglichte, sich innerhalb von nur 500 Jahren bis nach Portugal auszubreiten.

Die Theorie, dass klimatische Kälteperioden, insbesondere das 8,2-Kilojahr-Ereignis, für diese lange Pause verantwortlich waren, wurde von Dr. Niklas Hausmann, dem Studienleiter, kritisch beleuchtet. Diese Kälteperiode fiel mit einer Zeit zusammen, in der häufige klimatische Veränderungen stattfanden und kalte Winter denkbar wären. Solche extremen Kältebedingungen hätten die landwirtschaftlichen Erträge gefährden und somit die Gründung neuer Siedlungen erschwert. Um diese Hypothese zu überprüfen, rekonstruierten die Forscher die lokalen Temperaturen am Fundort Franchthi und verglichen diese Daten mit archäologischen Funden, die Einblicke in die Wirtschaftsweise der damaligen Bevölkerung gaben.

Ein zentrales Element der Untersuchung waren die Schalen von 121 Napfschnecken (Patella sp.), die als Nahrungsquelle dienten und als Abfall übrig blieben. Die Schalen wuchsen in Schichten und speicherten Informationen über die Lebensbedingungen der Schnecken. Mit einer neu entwickelten Lasermethode konnten die Wissenschaftler die Wachstumsphasen der Schalen präzise analysieren und Extremtemperaturen während dieser Phasen rekonstruieren. So entstand der umfassendste Datensatz zu klimatischen Bedingungen an einem einzigen archäologischen Standort.

Die anschließende Analyse der Tierknochen aus denselben Schichten ermöglichte es den Forschern, festzustellen, welche Tiere die Menschen nutzten und welchen Beitrag diese zur Ernährung leisteten. Die Ergebnisse waren eindeutig: Es gab keinen direkten Hinweis auf extreme Kälte, und auch kein signifikanter Zusammenhang zwischen den klimatischen Bedingungen und der landwirtschaftlichen Praxis der Menschen konnte festgestellt werden. „Für Franchthi gibt es somit keinen Beleg dafür, dass Kälte die Nahrungsversorgung so stark beeinträchtigte, dass sie die Ausbreitung der Landwirtschaft verhinderte“, sagt Dr. Danai Theodoraki, Co-Autorin der Studie.

Die Ergebnisse legen nahe, dass kurzfristige klimatische Veränderungen in diesem Küstenstandort nicht die erhoffte Erklärung für die Verzögerung der bäuerlichen Ausbreitung bieten. Vielmehr könnte es an anderen Faktoren gelegen haben, die stärker in den Fokus rücken sollten. Die Forscher planen, diese Methodik auch auf andere archäologische Fundorte anzuwenden, um herauszufinden, ob Franchthi eine Ausnahme darstellt oder ob ähnliche Muster auch an anderen Orten zu beobachten sind.

Die Studie ist Teil der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe SEAFRONT am LEIZA, die sich mit den Wechselwirkungen zwischen saisonalen Klimaschwankungen und menschlichem Verhalten während der Jungsteinzeit im Mittelmeerraum beschäftigt. Diese Forschungsarbeit trägt dazu bei, ein besseres Verständnis der Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt in der Vorgeschichte zu entwickeln und eröffnet neue Perspektiven für die Untersuchung von Klimafaktoren