** Dissertation aus Greifswald: Die Rolle regionaler Akteure bei der Gestaltung von Entwicklungscha…

In der aktuellen Debatte um regionale Wirtschaftsentwicklung stellt sich die Frage, warum einige Regionen in der Lage sind, neue wirtschaftliche Chancen zu identifizieren und zu nutzen, während andere trotz ähnlicher struktureller Voraussetzungen stagnieren. Diese Thematik wird in der Dissertation von Dr. Max Roessler an der Universität Greifswald behandelt, die den Titel „Opportunity Spaces and Development Traps of Green Transitions in Peripheral Regions: Narratives, Place Leadership, and System-Level Agency“ trägt. Für seine herausragende Forschung wurde Dr. Roessler mit dem Regional Science Association International Dissertation Award ausgezeichnet.

Roesslers Arbeit beleuchtet, wie regionale Narrative und Schlüsselakteure die Wahrnehmung und Nutzung neuer Entwicklungsmöglichkeiten beeinflussen. Der Wandel hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft, insbesondere im Bereich der erneuerbaren Energien und der pflanzenbasierten Bioökonomie, eröffnet vielen ländlichen Regionen neue Perspektiven. Ob diese Chancen tatsächlich in neue Entwicklungspfade umgesetzt werden, hängt jedoch nicht nur von den vorhandenen Ressourcen ab, sondern vor allem davon, wie die regionalen Akteure diese Chancen wahrnehmen und aktiv gestalten.

Im Rahmen seiner Dissertation hat Roessler mehrere Fallstudien in Deutschland untersucht, darunter Regionen wie östliches Mecklenburg-Vorpommern, die Lausitz, Niederbayern sowie Ostfriesland und das Emsland. Diese Forschung erfolgte im Rahmen eines DFG-geförderten Projekts, das die Rolle von „Change Agency“ in regionalen Transformationsprozessen analysiert. Die Grundlage seiner Untersuchung bilden 92 Interviews mit regionalen Akteuren sowie zwei überregionale Fokusgruppen. Diese empirischen Daten ermöglichen es, die Rolle von Narrativen und deren Einfluss auf die Wahrnehmung regionaler Transformationsprozesse zu erforschen.

Die Ergebnisse zeigen, dass regionale Narrative weit mehr sind als einfache Beschreibungen wirtschaftlicher Verhältnisse. Sie spiegeln die Vorstellungen über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Region wider und können das Handeln der Akteure stark beeinflussen. Auf diese Weise können sie sowohl neue Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen als auch bestehende Abhängigkeiten verstärken. Die detaillierte Analyse dieser Narrative erlaubt ein besseres Verständnis der regionalen Entwicklungsfallen, als es allein durch statistische Kennzahlen möglich wäre.

Ein weiterer zentraler Punkt der Dissertation ist die Untersuchung, wie regionale Schlüsselakteure bestehende Narrative verändern können, um die Wahrnehmung neuer Entwicklungsmöglichkeiten zu fördern. Roesslers Forschung zeigt, dass solche Veränderungsprozesse unterschiedlich verlaufen können: Sie können sowohl innerhalb der Region entstehen als auch durch externe Impulse angestoßen werden. Die Relevanz dieser Impulse hängt von den spezifischen regionalen Strukturen, historischen Erfahrungen und der Vernetzung der Akteure ab.

Besonders wichtig sind hierbei die sogenannten Intermediäre. Diese vermittelnden Organisationen spielen eine Schlüsselrolle, indem sie regionale und überregionale Akteure miteinander vernetzen, Informationen über veränderte Rahmenbedingungen bereitstellen und neue Entwicklungsmöglichkeiten sichtbar machen. Roesslers Dissertation besteht aus drei Forschungsartikeln, die diese Zusammenhänge aus verschiedenen Perspektiven beleuchten: Sie analysieren die Rolle regionaler Narrative, den Einfluss von Schlüsselakteuren auf die Wahrnehmung von Chancen und die Bedeutung der Akteurskonstellationen für sozioökonomische Transformationsprozesse.

In einer zusammenfassenden Aussage hebt Roessler hervor, dass regionale Entwicklungsmöglichkeiten nicht ausschließlich durch wirtschaftliche Ressourcen, bestehende Strukturen oder politische Rahmenbedingungen bestimmt werden. Vielmehr ist entscheidend, wie regional Akteure diese Möglichkeiten wahrnehmen, aktiv gestalten und in konkrete Entwicklungspfade umsetzen.

Die Jury des RSAI Dissertation Awards würdigt die umfassende empirische Untersuchung und die systematische Analyse der Forschungsarbeit, deren Transparenz und Übertragbarkeit. Besonders innovativ ist der Einsatz einer multidimensionalen Narrativanalyse (MNA), die es ermöglicht, verschiedene Dimensionen regionaler Narrative systematisch zu untersuchen und deren Bedeutung für Entwicklungsverläufe vergleichend herauszuarbeiten.

Die Dissertation von Dr. Max Roessler, die er im Oktober 2025 mit der Note „summa cum laude“ abschloss, wurde von Prof. Dr. Daniel Schiller betreut. Roessler hat bereits mehrere Artikel in angesehenen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht und erhielt für seine Arbeiten mehrere Auszeichnungen. Seine Dissertation leistet einen wertvollen Beitrag zum Verständnis regionaler Entwicklungsprozesse und zeigt auf, wie wichtig es ist, die Perspektiven und Narrativen der regionalen Akteure in den Mittelpunkt der Entwicklungspolitik zu stellen.